Erinnerungen an Entenhausen
Gottfried Helnwein
Zeit Magazin, 12. Mai 1989
Nachts war mein Kinderzimmer in ein tiefes rotes Licht getaucht - meine Spielsachen, die Möbel, mein Bett, meine Hände - alles hatte die gleiche Farbe und schien aus demselben weichen Material zu sein. Als wären die Naturgesetze aufgehoben, schien alle Materie von innen heraus zu glühen.
Die Ursache dieser roten Wundernächte war der riesige leuchtende Stern der Roten Armee auf dem Dach der Fabrik gegenüber, der nachts seine Glut in meine Kinderstube goß.
Die Tage hingegen waren grau, zäh wie Schleim und von grenzenloser Langeweile, alles erschien mir unwirklich und häßlich.
Es war das Wien der Nachkriegszeit, in dem ich aufgewachsen bin. Ich lebte mit meinen Eltern in Favoriten,
einem traditionellen Wiener Arbeiterbezirk, der damals zur sowjetischen Besatzungszone gehörte.
Das Haus, in dem wir wohnten, fristete ein kümmerliches Dasein zwischen einer Gießerei aus der Jahrhundertwende
und einem grauen Monstrum von Fabrikanlage aus der Nazizeit, welches nun auf dem Dach das Zeichen seiner neuen Herren trug, eben jenen gewaltigen roten Stern.
In meiner Erinnerung ist alles rostig und staubig. Die Straßen waren wie ausgestorben, nichts bewegte sich, niemand sprach. Die wenigen Menschen, die ich sah, waren gedrungen, unförmig, gebeugt. Eine Welt, die stille stand,
ohne Geräusche, ohne Farbe, ohne Bewegung, nur manchmal durchbrochen vom Knattern eines klobigen Lastwagens,
der vollbeladen mit russischen Soldaten mit Karacho durch die Straße fuhr.
Dann war es wieder still.
Ich hatte das Gefühl, das höchste Ziel der Menschen um mich herum war, übersehen zu werden.
Das einzige, was sie zu fürchten schienen, war, aufzufallen, entdeckt zu werden. Eine Stadt spielte Toter Mann.
Ich war ein Außerirdischer, der auf einem unbekannten Planeten gestrandet war und nun, nachdem sein Raumschiff explodiert war, keine Möglichkeit mehr hatte, hier wegzukommen. Ich mußte durch den Aufprall nicht nur die Orientierung, sondern auch mein Gedächtnis verloren haben, denn ich hatte vergessen, wer ich war und wo ich hergekommen war.
Ich wußte nur eines mit Gewissheit, daß dies eine fremde Welt war, die mich nun umbarmherzig umschloß.
Es war eine Welt, wie nach einem schlampigen Weltuntergang, wo eben doch ein paar überlebt hatten,
die nun vorsichtig und geduckt in den Trümmern weiter dahinvegetierten, in der Hoffnung, der ewige Richter möchte sie übersehen.
Ich dämmerte in dieser Schattenwelt wie im Valiumrausch dahin, bis eines Tages mein Vater vom Büro nach Hause kam, ein in braunes Packpapier eingeschlagenes Paket vor mich hinstellte und den Spagat, der es zusammenhielt, mit seinem Taschenmesser durchtrennte.
Vor mir quoll die bunte Pracht der ersten deutschen Micky-Maus-Hefte auf den Parkettboden.
Als ich ein Heft öffnete, fühlte ich mich wie einer, der bei einem Grubenunglück verschüttet worden war, und nun,
nach vielen Tagen Finsternis wieder ans Tageslicht trat. Ich blinzelte, weil sich meine Augen noch nicht an das gleißende Licht der Sonne von Entenhausen gewöhnt hatten, und sog gierig die frische Briese,
die vom Geldspeicher Dagobert Ducks herüberwehte, in meine staubigen Lungen.
Ich war wieder daheim, in einer vernünftigen Welt, in der man von Straßenwalzen plattgewalzt und von Kugeln durchlöchert werden konnte, ohne Schaden zu erleiden, in einer Welt, in der die Menschen wieder anständig aussahen,
mit gelben Schnäbeln oder schwarzen Knäufen als Nase. Und hier traf ich auch jenen Mann,
der mein Leben verändern sollte, von dem der österreichische Poet H. C. Artmann sagte, er sei der einzige Mensch, der uns heute noch etwas zu sagen habe: Donald Duck.
Nach all den Jahren der Entbehrung jeglicher Kunst und Ästhetik hatte mich eine große Kultur umarmt.
Ich sah die sieben Städte von Cibola, wühlte mit Donald und seinen Neffen im funkelnden Geschmeide in den Schatzkammern versunkener Paläste. Es war mir ein Hochgenuß mit dem alten Bankier Duck wie ein Seehund in dessen 13 Trilliarden hineinzuspringen, wie ein Maulwurf darin herumzuwühlen und die Taler in die Luft zuschmeißen, daß sie uns auf die Glatzen prasselten.
Beim Fähnlein Fieselschweif lernte ich die unschätzbaren Dienste des Pfadfinderhandbuches zu schätzen, wenn es galt, in Rekordzeit eine Notbrücke über eine Schlucht zu schlagen, einen Unhold in einem hohlen Baum aufzuspüren,
oder ein kleines Mädchen zu retten, das hilflos auf einer Eisscholle auf einen tosenden Wasserfall zutrieb.
Und nicht zuletzt der Umgang mit Leuten wie Schmu Schubiak, Kasimir Keiler, dem Haarigen Harry
oder Sebastian Sandig (genannt der Wüstenwastel) schärfte mein Auge für die Einschätzung meiner Mitmenschen -
und in jenen Jahren eignete ich mir jene Menschenkenntnis an, die mich nie getrogen hat.
Walt Disney ist zweifellos das große Genie des 20. Jahrhunderts, ein reinkarnierter Leonardo da Vinci, der reifer und größer wiedergekommen war, um das gewaltigste Gesamtkunstwerk aller Zeiten zu errichten.
Sein ästhetisches Imperium hat das Antlitz dieser Welt verändert, für ihn ging der alte Künstlertraum in Erfüllung,
der von ihm geschaffenen Kreatur Leben einzuhauchen, sie mit einer Stimme zu versehen,
und vor der ganzen Welt tanzen zu lassen.
Hunderte Künstler arbeiteten für den Großen Inspirator, unter ihnen Salvador Dalí, Aldous Huxley und Sergei Prokowief.
Die Rieseninstallation Disneyworld und Epcot Center in Florida sind größer als alle Projekte Christos, die Pyramiden und Versailles zusammen und vor allem lustiger. Die Pop-Art eines Roy Lichtensteins und eines Andy Warhols
ist lediglich der Widerschein dieses gewaltigen Flächenbrandes, dem sich kaum ein Künstler dieses Jahrhunderts entziehen konnte.
Wie bei allen großen Kulturepochen ist es aber das Zusammentreffen verschiedener Künstlerpersönlichkeiten,
die so ein kreatives Spannungsfeld erst möglich machen.
Der wichtigste Partner Walt Disneys war ein,der Öffentlichkeit bis heute weitgehend Unbekannter, ohne den das Disneysche Mammutwerk auf tönernen Füßen stünde:
der geniale Zeichner und Poet Carl Barks, der Schöpfer der Duck-Saga.
Die Abendländische Kunst hat sich mehr als 2000 Jahre an der Ästhetik und dem Menschenbild der griechischen Klassik orientiert. Picasso und Walt Disney haben sich gegen dieses Diktat aufgelehnt und mit diesem Menschenbild gebrochen auf ganz unterschiedliche Art und Weise.
Und in den Werkstätten Disneys konnte Carl Barks den neuen Idealtypus schaffen das neue Menschenbild: Donald Duck.
Donald ist die Ankündigung und Ahnung einer neuen Zeit. Er ist nicht mehr Abbild der sogenannten Realität oder eine weitere Imitation des griechischen Vorbilds, sondern Schöpfung im eigentlichen Sinn des Wortes. Eine Creatio ex nihilo.
Seine Form ist aus dem idealen geometrischen Prinzip, der Kugel, abgleitet. Es gibt keine Ecken und Kanten, alles an Donald ist rund und weich und fließend. Und obwohl er gar nicht aussieht wie ein Mensch, sondern ehen an eine Ente erinnert, verkörpert er das Menschliche doch mehr als alle Werke der bildenden Kunst vor ihm.
Was ist an der Mona Lisa denn menschlich? Sie erinnert zwar äußerlich an eine weibliche Gestalt, aber bei aller malerischen Qualität hat sie doch sehr wenig mit einem wirklichen Menschen zu tun.
Es ist erstaunlich, daß dieser kleine künstliche Erpel ein soviel besserer Spiegel der menschlichen Seele ist.
An ihm erkennen wir unsere Ängste, unsere Unsicherheiten und Schwächen, unsere Dummheiten und Eitelkeiten, unsere Bosheiten, unseren Neid und unsere Einfalt. Aber auch jene Starrköpfigkeit, mit der wir nach jeder Niederlage, nach jedem Scheitern und nach jeder Katastrophe wieder aufstehen und neu beginnen.
Published:
Zeit Magazin, May 12th, 1989.
"Zeit Museum der 100 Bilder, Gottfried Helnwein: Mickymaus unter dem Roten Stern".
insel taschenbuch 1213, 1989.
ZEIT-Museum der 100 Bilder
Bedeutende Autoren und Künstler stellen ihr liebstes Kunstwerk vor
Herausgegeben von Fritz J. Raddatz
Insel Verlag
Wer Ist Carl Barks, 1993.
Hardcover, 296 pages, Neff Verlag.
ISBN 3-8118-5341-4
Memories of Duckburg
by Gottfried Helnwein
Zeit Magazin, 12. Mai 1989
English translation of "Erinnerungen an Entenhausen (Micky Maus unter dem Roten Stern)"
At nights my room was plunged into a deep, red light - my toys, the furniture, my bed, my hands - everything had the same color and seemed to be made of the same soft material. As though the natural laws were suddenly suspended, all matter seemed to glow from the inside out. The explanation for this red magic was the large illuminated star of the Red Army on the roof of the factory across the street, which poured it's fire nightly into my room.
The days, in comparison, were gray, sticky like slime and filled with unlimited boredom - everything seemed ugly and unreal to me.
I grew up in Vienna, after the war. I lived with my parents in Favoriten, a traditional Viennese working-class district, that belonged to the Soviet occupied zone. The house we lived in endured a miserable existence between an old foundry from the turn of the century and a gray monster of a factory from the Nazi era, which now bore the sign of its new masters on its roof - that very same enormous red star. In my memories everything is rusty and covered in dust. The streets looked like they were dead, nothing moved, nobody talked. The few people that I saw were bulky, misshapen and bent. I can't remember ever having heard someone sing or laugh. A world that stood still, without sounds, without colors, without movement - only sometimes interrupted by a cumbersome truck, filled with Soviet soldiers, blaring through the streets. And then, everything was silent again.
I had the feeling the people around me tried to be overlooked - not to be perceived. The only thing they seemed to fear was to be conspicuous, to be discovered. A city that played dead. I was a stranger, whose spaceship had exploded on an unknown planet and so was stranded with no possibilities of ever leaving again. Not only did I loose my orientation through the impact of the crash, but also my memory, because I had forgotten who I was and where I came from. There was only one thing I was certain of: that this was an alien world in whose merciless embrace I was now caught. It was like the after-math of a sloppy end of the world, where the few people that had survived, now continued cautiously to vegetate amongst the ruins, hoping to remain unnoticed by the Eternal Judge.
I was dozing in this twilight-zone like in a seemingly endless trance, until one day when my father returned from his office, placed a parcel, wrapped in brown paper before me and cut the rope that was tied around it with a pocket knife.
Before me the colorful splendor of the first German Mickey-Mouse comic-books gushed forth onto the parquet floor.
Opening my first Donald Duck comic book felt like seeing the daylight again for someone who had been trapped underground by a mine-disaster for many days. I blinked carefully because my eyes hadn't gotten used to the dazzlingly bright sun
of Duckburg yet, and I greedily sucked the fresh breeze into my dusty lungs that came drifting over from Uncle Scrooge's money bin. I was back home again, in a decent world where one could get flattened by steam-rollers and perforated by bullets without serious harm. A world in which the people still looked proper, with yellow beaks or black knobs instead of noses. And it was here that I met the man who would forever change my life - a man who, as the Austrian poet H.C. Artmann put it, is the only person today that has something worthwhile saying - Donald Duck. After all these years of cultural and aesthetic absence, a great culture had finally embraced me.
I saw the Seven Cities of Cibola, and together with Donald and his nephews burrowed through the sparkling jewels and treasures of sunken palaces. And what a joy it was to dive like a porpoise into the thirteen trillion dollars of tycoon
Scrooge McDuck, and to burrow thorough it like a gopher, to toss it up and let it hit me on the head. With the Junior Woodchucks I learned to appreciate the invaluable wisdom of the boy-scout handbook -- building an emergency bridge over a ravine in record time, to track down a fiend in a hollow tree or to save a little girl that was helplessly sitting on an ice floe drifting towards a waterfall. And of course dealing with people like Chisel McSue, Rockjaw Bumrisk, Hairy Harry, Foulcrook and Slyviper or the Beagle Boys sharpened my ability to evaluate my fellow man.
Walt Disney is undoubtedly the great artistic genius of the 20th century - a reincarnated Leonardo da Vinci, who came back matured and stronger, to create the most immense artwork of all times. His aesthetic empire has changed the face of this world. For him, the age-old artist's dream came true - to breathe life into his own creation, to give it a voice, and to let it dance before the whole world. Hundreds of artists worked for the great inspirer, amongst them Salvador Dali, Aldous Huxley and Sergei Prokofiew. Every year more than 300 million Disney-comic-books are sold worldwide. The gigantic installations of Disney World and Epcot Center in Florida are bigger than all of Christo's projects, the pyramids and Versailles put together - and most of all, more fun. The pop-art of Roy Lichtenstein and Andy Warhol are solely the reflection of this extensive fire that almost no artist of the second half of the 20th century can escape.
But as in all great cultural eras, it is the joining together of different artistic geniuses that bring about such a creative energy-field. Walt Disney's most important partner, without whom his mammoth empire would stand on a weak foundation, is relatively unknown to the general public: the ingenious artist and poet Carl Barks, founder of Duckburg. Occidental art has orientated itself on the aesthetic ideals of the Greek classical era for over 2000 years. Picasso and Walt Disney have gone against this dictation and broke with that ideal of the human image -- each in a very different way. And it was in the workshops of Disney, where Carl Barks was able to create the prototype of the new ideal man: Donald Duck.
Donald is the proclamation of a new era. He is no longer a copy of the so-called reality or another imitation of the Greek model, but a creation in the true sense of the word. A creatio ex nihilo.
His shape is derived from the ideal geometrical principle of the sphere. There are no corners, everything about Donald is round, soft and flowing. And even though he looks nothing like a human being, but more like a duck, he embodies the human spirit better than all fine artworks before him have done. What is human about the Mona Lisa? Her outer form might resemble a female figure, but despite all unquestionable artistic qualities she has little to do with a real human being. It is fascinating how this small, artificial drake is a much better mirror of the human soul. In Donald we recognize our fears, our uncertainties and weaknesses - our stupidity, our vanity, our depravity, our jealousy and our simple-mindedness. But also the very same stubbornness with which we stand up again and again after every defeat and every catastrophe and begin anew.
In retrospect I would say from Donald Duck I have learned more about life than from all the schools I ever attended.