Die Ente in uns - 70 Jahre Donald Duck

Mensa-Vortrag am 6. Dezember 2004
By Viktor Farkas

Damit möchte ich mich einer kolportierten Aussage von Gottfried Helnwein über das Entenhausen-Universum zuwenden: „Viele lesen Micky Maus-Hefte, wenige aber verstehen die Botschaft.“

Ich konnte nicht umhin, die letzte Gelegenheit zu ergreifen, 2004 bei der Wiener Mensa dem unsterblichen Erpel weit eingehender zu gedenken als bei meinen Vortrag vom 5. Mai 1997 „Donald Duck ist Kannibale.“

Damit möchte ich mich einer kolportierten Aussage von Gottfried Helnwein über das Entenhausen-Universum zuwenden: „Viele lesen Micky Maus-Hefte, wenige aber verstehen die Botschaft wirklich.“
Im Sommer 2004 erhielt Donald Duck den Stern Nr. 2257 auf dem „Walk of Fame.“ Im November 2004 folgte dann „Godzilla“ mit lediglich 50 Jährchen (vielleicht haben ihm die Amis den Stern so viel früher als DD verliehen, weil er schon so oft Tokio den Erdboden gleichgemacht hat). Los Angeles 18. 6. 2004 (dpa): Donald Duck, Antonio Banderas und Julianne Moore haben eines gemeinsam: Sie bekommen einen Stern auf dem „Walk of Fame“ in Hollywood.

Wenig bekannt ist, daß Donald für seinen spirituellen Vater Walt Disney eine Notgeburt war, weil Micky Ende der 1920er Jahre wegen unerträglicher Bravheit in der Publikumsgunst sank. Die Notgeburt ist heute eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Im Gegensatz zu vielen anderen öffentlichen Persönlichkeiten wird Donald rückhaltlos geliebt. Es wird über ihn geforscht, er wird auf Händen und Hemden getragen, zitiert und gesammelt. Er entzückt jung und alt, begeistert alle sozialen Schichten. Seine Abenteuer werden unter Schulbänken, in U-Bahnen und VIP-Airport-Lounges gleichermaßen verschlungen. Er ist der Größte, gerade weil er so erfrischend unheldisch ist. Für seinen spirituellen Vater Walt Disney war Donald eine Notgeburt weil Micky Ende der 1920er Jahre wegen unerträglicher Bravheit in der Publikumsgunst sank.

Donald hat Plattfüße, ist zu blaß, weiß weniger als seine Neffen, ist modisch hilflos (seit Jahrzehnten der gleiche Matrosenanzug!), chronisch pleite, cholerisch, vom Pech verfolgt, ewiges Opfer seines turbokapitalistischen Ausbeuter-Onkels Dagobert, aber im Herzen goldig und von unbeugsamen Wiederaufsteh-Qualitäten. Kurz: So wie Donald, den nichts dauerhaft in die Knie zwingen kann, der ein Verlierer ist und trotzdem ungeheuer beliebt - wer wäre nicht gern wie er?

Der Jubilar heißt mit vollständigen Namen Donald Fauntleroy Duck, laut einem Einberufungsbescheid zur US-Army im Jahre 1942. Hinsichtlich seines Geburtstag gibt es hingegen Kontroversen. Bei Trickfilmfiguren wird immer das Datum des Leinwanddebüts mit ihrem Geburtstag gleichgesetzt. Zur Welt - allerdings noch nicht im Bild - kam der Enterich 1931 als Randfigur im Buch „The adventures of Mickey Mouse“. Zwei Jahre später sah man ihn auch gezeichnet, doch als eigentliche Geburtsstunde gilt jener Auftritt, in dem Donald erstmals als Charakter greifbar wurde: Am 9. Juni 1934 erhob er im Trickfilm „The Wise Little Hen“ aus der Reihe „Silly Symphonies“ erstmals seine Schnatterstimme, tanzte und machte ausnahmslos Blödsinn. In dieser Disney-Version einer Fabel von Äsop, stellte Donald einen Tagedieb dar, der unter keinen Umständen dazu zu bewegen war, für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten. Er hatte viel eher Lust, zusammen mit seinem Kumpel, dem Schwein Peter Pig, zu faulenzen und das Leben zu genießen.

Donald wohnte auf einem Hausboot, weshalb er auch von Anfang an einen Matrosenanzug trug. Obwohl nur Nebendarsteller, hinterließ er einen so bleibenden Eindruck, daß er kurze Zeit später in den Micky Maus-Trickfilmen auftauchte. Die Idee, eine Ente als Partner von Micky Maus einzuführen, war allerdings schon zwei Jahre vorher entstanden. Das Problem bestand darin, die passende Stimme zu finden. Und die kam per Zufall in die Disney-Studios. Der Tierstimmen-Imitator Clarence Nash, der davon träumte, bei Disney zu arbeiten, nahm sich 1933 eines Tages von seinem Hauptberuf als Milchausfahrer (auch das war Donald schon einmal) frei und begab sich ins Büro des Disney-Regisseurs Wilfred Jackson. Dort rezitierte er den Kindervers: „Mary Had A Little Lamb“ und riß Jackson förmlich vom Hocker. Der ließ Nash über die Wechselsprechanlage das Gedicht für Disney noch einmal aufsagen. Dieser stürmte in Jacksons Büro und rief: „Das ist unsere sprechende Ente!“ Und so wurde Clarence Nash am 2. Dezember 1933 zu Walt Disneys 125. Angestellten und zu Donalds Stimme in der Originalfassung sowie in zahlreichen Synchron-Fassungen.

Das Gedicht, das zur Entdeckung der Donald-Stimme geführt hatte, wurde schließlich auch bei Donalds erstem Auftritt in einem Micky Maus-Film zu Gehör gebracht. Der 1934 gedrehte Film hieß „Orphans’ Benefit“ (Benefizvorstellung für Waisenkinder). Unter der Leitung von Trickfilmregisseur Burt Gillet präsentiert hier Micky Maus eine Bühnenshow für Mäuse aus dem Waisenhaus. Einer der Entertainer, die sich auf der Bühne abmühen, ist Donald mit seinem Gedicht. Allerdings machen sich die Mäusekinder so über ihn lustig, daß er einen seiner berühmt-berüchtigten Wutanfälle bekommt, die sich zu seinem Markenzeichen entwickeln sollten.

Genau davon wollte das Publikum viel, viel mehr, und Donald kam fortan regelmäßig. In Zeitungen und auf der Leinwand vertrieb er schließlich Micky Maus vom Thron der beliebtesten Disney-Figur. Sehr zu Disneys Mißfallen: Micky, das war seine Ideal- und Identifikationsfigur, so wünschte er sich die Menschen. Nicht wie jenen rüpelhaften gefiederten Anarcho-Plattfuß.

Von diesem Zeitpunkt an war Donald nicht mehr zu bremsen. 1935 schafft er in Mickys erstem Farbfilm „The Band Concert“ den endgültigen Durchbruch. Darin versucht Micky bei einem Konzert im Freien die Wilhelm-Tell-Ouvertüre zu dirigieren. Donald sorgt dabei für Aufregung weil er während des Konzerts lauthals seine Erdnüsse anpreist, als befände er sich bei einem Fußballspiel. Von nun an tritt Donald mit schöner Regelmäßigkeit in Mickys Filmen auf, wobei den beiden meist Goofy als chaotischer Partner zur Seite steht. Schon 1937 bekam Donald wegen seiner Beliebtheit beim Kinopublikum schließlich seine eigene Trickfilmreihe. In dieser Reihe wurden bis 1961 insgesamt 128 Trickfilme gedreht. Daneben trat Donald in rund 50 Filmen anderer Disney-Serien, in Spielfilmen und in TV-Specials auf. In der aktuellen Fernsehserie „Duck Tales“ tritt Donald nur noch selten auf. Er geht wieder seinem alten Beruf auf See nach und hat nur selten „Landgang.“

Bereits ein Vierteljahr nach seinem Filmdebüt konnte man Donald auch in einem Comicstrip erleben. Zuerst in einer Umsetzung des Trickfilms „The Wise Little Hen“, gezeichnet von Al Taliaferro und getextet von Ted Osborne. Sie erschien in den Comic-Beilagen vieler amerikanischer Sonntagszeitungen vom 16. September 1934, dem Tag, an dem man Donalds Geburtstag noch ein zweites Mal feiern könnte. Wegen der Popularität, die Donald in den Trickfilmen genoß, bekam er auch in den Comics der Silly Symphony-Seiten ein eigenes Forum. Seine Streiche erschienen dort zunächst vom 30. August 1936 bis zum 5. Dezember 1937. In diesem Zeitraum traten auch erstmals Oma Duck und die Neffen Tick, Trick und Track in Donalds Leben. Ab 7. Februar 1938 bekam Donald unter Federführung von Texter Bob Karp und Zeichner Al Taliaferro seinen eigenen Comicstrip. Zu diesen täglich erscheinenden Zeitungsstrips kam ab 10. Dezember 1939 noch eine eigene Sonntagsseite in Farbe, die wie die Zeitungsstrips in den folgenden dreißig Jahren vom gleichen erfolgreichen Zeichner-Texter-Team angefertigt wurden. Nachdrucke der Strips in Buch- und Heftform gab es bereits seit 1935.
1942 sollte ein denkwürdiges Jahr im Leben aller Donald-Fans werden. In der 64 Seiten langen August-Comicgeschichte „Donald Duck Finds Pirate Gold“ gab der damals 39-jährige Disney-Trickfilmzeichner Carl Barks (1901-2000) sein Debüt im Medium Comic. Seitdem ist nichts mehr, wie es einmal war.

Die erste, speziell für ein Comic-Heft kreierte Donald-Geschichte wurde von Bob Karp getextet und zu je 32 Seiten gezeichnet von Jack Hannah und eben Carl Barks. Dabei handelte es sich um ein Experiment und um Resteverwertung in einem. Die Drehbuchautoren Harry Reeves und Homer Brightman hatten einen abendfüllenden Spielfilm mit dem Titel „Donald Duck Finds Pirate Gold“ ausgearbeitet, der aber nicht gedreht werden konnte. Deshalb schlug Disney vor, die bereits geleistete Vorarbeit in Heftform umsetzen zu lassen. Dieses Heft erschien als Dell-Four-Colour-Comic Nr. 9 und ist heute eines der gefragtesten Sammlerstücke (8.000 Dollar aufwärts). Es bedeutete auch den Beginn der wirklich einmaligen Comiczeichner-Karriere von Carl Barks - des genialen Zeichners, der Entenhausen erdachte und mit vielen der bekanntesten Comic-Figuren bevölkerte.

Carl Barks war vor seiner Arbeit an den Duck-Comics schon viele Jahre in den Disney-Trickfilm-Studios tätig gewesen. Einige der besten Donald-Zeichentrickfilme der späten 30er und frühen 40er Jahre wurden von ihm als Autor und Storyboard-Zeichner mitgestaltet. In den 40er Jahren verabschiedete sich Barks vom Zeichentrickstudio. Unter anderem wegen der schlechten Luft in Los Angeles. Er hatte vor, eine Hühnerfarm in San Jacinto zu betreiben. Doch Donald ließ ihn nicht los, denn schon bald bewarb er sich darum, weiterhin die Donald-Geschichten zeichnen zu dürfen, die von nun an in Walt Disneys Comics and Stories erscheinen sollten.

Barks - das Genie

Heute ist Barks für jeden informierten Zeitgenossen der Schöpfer des Donald. Das war nicht immer so. Zusammen mit den Arbeiten anderer Zeichner wurde das Werk von Barks unter dem umfassenden Label „Disney“ veröffentlicht, so daß lange Zeit der Eindruck entstand, Walt Disney wäre der große Chronist Entenhausens. Erst 1959 gelang es einem US-Fan, die Bedeutung von Carl Barks klarzustellen, der bis dato nur als der „good duck man“ bekannt war.

In den Jahren seines Schaffens bei Disney von 1942 bis 1967 hat Carl Barks den Entenkosmos, wie ihn jeder kennt, geschaffen, auch wenn andere Zeichner lustige Bilderfolgen über Donald Duck bei Disney publiziert haben. In den 70er Jahren erreichte Tony Strobl einen gewissen Ruhm, seit den 80ern der Niederländer Daan Jippes, aber der am 25. August 2000 nach einem wahrhaft erfüllten Leben verstorbene Carl Barks bleibt wohl für immer der einzig wahre „Chronist von Entenhausen.“ Auch als Autor - so schreibt der Vize-Feuilletonchef der FAZ Andreas Platthaus im Buch „Im Comic vereint“ - bleibt Barks in seiner Zunft unerreicht: „Niemand hat wie er nahezu sämtliche Überlieferungen der Menschheitsgeschichte - Mythen, Sagen, Legenden, Romane oder Reisebereichte - benutzt, um die Welt von Entenhausen vor unseren Augen entstehen zu lassen“. Die Riege der Donald-Fans unter den Literaten ist entsprechend prominent: H.C. Artmann, Peter Handke, Urs Widmer, Robert Schindel; nicht nur sie haben der Ente ihre Reverenz erwiesen, sondern auch berühmte Karikaturisten wie der eingangs erwähnte Gottfried Helnwein oder Katzenfreund Manfred Deix. Vielleicht stimmt es ja tatsächlich, daß Donald „die reichhaltigste und in ihrer Kontinuität bemerkenswerteste Kunstfigur des letzten Jahrhunderts ist“, wie der Publizist Marc Degens schreibt. Manchmal transzendentiert er sich sogar selbst und verdichtet sich zur Realität:

Als eine US-Firma eine neuartige Methode zur Hebung gesunkener Schiffe mittels Kunststoffkügelchen patentieren lassen wollte, teilte das Patentamt dem verblüfften Einreicher mit: „Leider zu spät. Ein gewisser Donald Duck hat diese Methode bereits angemeldet.“ Zwar nicht der berühmteste aller Enteriche in Fleisch und Federn, aber die Grundidee war bereits früher in einer Donald Duck-Story verbraten, in der dieser ein Schiff mittels hineingepumpter Tischtennisbälle hebt, und als Gag zum Patent gegeben worden.

Barks stellte dem Pechvogel Donald den unausstehlich schnöseligen Glückspilz Gustav Gans (Gladstone Ganter) als Schwippvetter und Nebenbuhler um Daisys Gunst gegenüber. Die Einführung des pathologischen Münzsammlers und Geldspeicherbewohners Dagobert als Duck’sches Familienoberhaupt verkomplizierte Donalds Leben zusätzlich. Seit 1947 muß er seinem Erbonkel unter Enterbungs-Androhung bei der Abwehr der schwerkriminellen und manisch auf Dagoberts Geldvorräte fixierten Panzerknacker (Beagle Boys) und der nicht weniger auf Dagoberts ersten Zehner fixierten Hexe Gundel Gaukeley, sowie bei der Bekämpfung von windigen Advokaten und Konkurrenten wie McMoneysack (Minheer van der Buitel, Monsieur Portemonnaie) zu Diensten sein. Glücklicherweise für Donald gibt es die attraktive, jedes Entenherz höher schlagen lassende Daisy Duck, den genialen wie skurrilen Erfinder Daniel Düsentrieb (Gyro Gearloose), und die umtriebigen Neffen Tick, Trick und Track (Loui, Houi und Dewie) mit ihrem Pfadfinderhandbuch, mit dem sich kein Terabyte-Computerpeicher messen kann (von Keilschrift bis zur Raumfahrt).

Barks wurde als armer Farmersohn am 27. April 1901 in Merrill, Oregon, geboren. Er startete ganz unten: als Laufbursche einer Druckerei (nicht Margarinefabrik), Holzfäller oder Hühnerzüchter (ein Beruf, den Donald Duck auch einmal ausübte und der zur Vernichtung des ehemals idyllischen Ortes „Freudenbad“ führen sollte, danach „Rührei“). Erst als er für lokale Zeitschriften als Cartoonist arbeitete, begann seine Laufbahn, die ihn zu Weltruhm führte.

1935 stellen ihn die Walt Disney-Trickfilmstudios ein, wo er mit Donald Duck in Berührung kam, der 1934 erstmals in einem kleinen Trickfilm aufgetreten war. Allerdings nur als eindimensionaler Choleriker, der von seinen Neffen gehänselt wird und in kein Sozialgefüge eingeordnet ist. Es war das einmalige Verdienst von Barks, der sich 1942 zunächst als freier Mitarbeiter, dann ab 1943 wieder als Angestellter bei Disney dem neuen Medium der längeren Comic-Geschichte in Heftform widmete, die Mehr-dimensionalität des Donaldschen Charakters zu entwickeln, und mit ihm die gesamte Welt, in der er lebt. Ein cholerischer, fauler Erpel - ein Unglückswurm, der sich mit unerschütterlichem Optimismus und grandioser Selbstüberschätzung immer neu den Tücken des Alltags stellt und meist scheitert. Ein Leben voller Mißerfolge, ein Antiheld mit Schnabel. Nicht umsonst hat sein Auto die Nummerntafel 313 - für drei mal Unglück.

Man muß sich nur die endlose Liste der Berufe ansehen, die der notorisch Beschäftigungslose vorweisen kann: Pilot, Briefträger, Detektiv, Verkäufer von Öfen zur Beheizung von Flughäfen, Kleingärtner, Museumswächter, Feuerwehrmann, Forscher, Lehrer, Kapitän, Rennfahrer, Hexen- und Gangsterjäger, Schlangenbeschwörer, Nachtwächter, Wildhüter, Bahnwärter, Briefträger, Hühnerbaron, Hilfspolizist, Imbißbudenbesitzer, Zirkusartist, Versicherungsagent, Bananenpacker, Grenzpolizist, Milchmann, Hundefänger, Blecheimerausfahrer, Hotelmanager, Cowboy, Erfinder, Wünschelrutengänger, Drachenbauer und immer wieder Laufbursche in einer Margarinefabrik. Man kann nicht sagen, er hätte es nicht versucht. Es geht ja sogar die Mär, der Erpel wäre gar faul, würde einen Mittagsschlaf der ehrlichen Fronarbeit vorziehen. Dabei hat Donald immer einwandfreie Gründe, warum er eine Arbeit nicht machen kann: „Primitive Arbeit liegt mir nicht. Nasse Arbeit liegt mir auch nicht. Rohe Arbeit liegt mir erst recht nicht“ (er wird Nachtwächter).

Jedes Mal ist Donald wirklich gründlich gescheitert. Um mit dem nächsten beherzten Anlauf ins neue Verderben zu laufen und ganz Entenhausen ins Chaos zu stürzen. Daran hat sich auch unter den auf Barks folgenden Zeichnern und Epigonen von Daan Jippes über Romano Scarpa, Vicar und Don Rosa im wesentlichen nichts geändert.

Donald ist und bleibt der moderne Sisyphos, der im Kampf mit den alltäglichen Widrigkeiten stets scheitert und dennoch immer wieder aufsteht. Seine chronische Finanznot ist so legendär wie seine notorischen Anfälle von Größenwahn und exaltierter Genialität. Donalds überdrehten existenzialistischen Auseinandersetzungen sind Abbilder unseres eigenen Lebens und der Sehnsucht nach einem anderen.
Als Nachbar ist er eine echte Plage. Als Familienoberhaupt  versagt er ebenso häufig (siehe Professor Plappert) wie in seinen zahlreichen Berufen und Anstellungen. Daß seine Fans ihm trotzdem Größeres zutrauen, belegt das Titelbild des amerikanischen „Mickey Mouse Magazine“ vom Juli 1936, das Donald mit der Headline „Donald Duck for President“ zeigt. Und in der Tat: Im nationalen Interesse schlüpfte Donald sogar in politische Rollen. Der US-Propaganda-Zeichentrickfilm „Der Fuehrers Face“ von 1943 hatte die Form eines Albtraums, in dem Donald sich als Arbeiter in einer Nazi-Munitionsfabrik wiederfindet. Endlich am Ende: Nicht „Heiling“ sondern die Freiheitsstatue mit Fackel am ausgestreckten Arm. Hollywood zeichnete den Erpel dafür damals mit einem Oscar aus. In „Taxis to sink the Axis“ diente er als Beispiel für einen Geldverschwender, der geläutert wird. Nichtsdestotrotz: Grundsätzlich hat Donald mit Politik nichts am Hut, sondern andere Sorgen.

Glücklicherweise begleiten seit 1937 die vom ersten Donald-Zeichner Al Taliaferro erfundenen neunmalklugen Neffen Tick Trick und Track ihren Onkel bei seinen Abenteuern, die den Entenclan primär - aber nicht nur - bei der Wahrung und Mehrung des Dagobert’schen Familienvermögens in entlegene und fantastische Gegenden führen: Vom Nordpol bis zur Südsee, von Indien bis Australien, bis ins legendäre „Land der viereckigen Eier“. Auch bei seinen Auseinandersetzungen und Amouren stehen sie ihrem Onkel zur Seite, wenn auch nicht immer hilfreich (Turbodüse, „Saatkartoffeln haben Augen...“). Letztere lassen sich an allen vier Donaldfingern abzählen und erschöpfen sich in der Hauptsache in der Anbetung seiner Herzensdame Daisy. Die oberflächliche und wankelmütige Gefährtin, ebenso ein Taliaferro-Schöpfung wie Donalds grundgütige Oma Duck, kompliziert das Leben des Erpels in einer der wohl am längsten andauernden Verlobungen aller Zeiten. Das Entenpaar ist sich seit 1940 versprochen, was ein Beweis dafür sein dürfte, daß Dauerliebe Daisy, die Kunst des schnippischen Hinhaltens zur Perfektion gebracht hat.

Der zu Wutausbrüchen neigende, fatal gutgläubige Enterich, ist überforderter Erziehungsberechtigter von drei Neffen ungeklärter Herkunft, die ihn mit ihrer frechen bis altklugen Art zu cholerischen Sätzen wie diesem hinreißen „Steht, ihr Ruchlosen! Es gelüstet mich, euch zu zerschmettern.“.
Die virtuose Sprachveredlerin

Den Erfolg im deutschsprachigen Raum verdankt die Entenhausen-Combo der Kunsthistorikerin Dr. Erika Fuchs (Jahrgang 1906), auf die Sätze wie der eben zitierte zurückgehen. Als Kenner von Comics auch mit den Originalen vertraut, kann ich mit Fug und Recht feststellen, daß diese brillante Mehr-als-Übersetzerin das US-amerikanische Ducksche Kulturgut (das ist es nämlich in der Tat!) aus der Feder von Barks im wahrsten Wortsinn durch deutschen Firnis sozusagen „veredelt“ hat. Sie hat, ohne den Sinn zu verändern, ihn vielmehr sogar verstärkend und für unseren Kulturkreis adaptierend, in die Stories feine Ironie eingebaut (etwa wenn sie Feuerwehrleute Ecke Friedensallee und Kanonengasse auf Donald lauern läßt, der Bienen durch die Stadt transportiert, oder wenn sie das Atomenergielabor in der Geheimstraße Nr. 32 ansiedelt), und sie hat den viel geschmähten Textblasen literarischen Schliff gegeben.

Ein paar Beispiele belegen dies:

„Ei Traun fürwahr, mög‘ eher ich abscheiden von der Welt, als daß ein edles Herz im Unglück schmachte“ (Heft 4, Jahrgang 1952. Donald als fanatischer Ritterdarsteller.) „Werter Graf, mich dünkt, ich schlag’ Euch grün und blau!“

„Oh Verezweiflung! Oh dräuend Ungemach!“ (Heft 6, Jahrgang 1952. Donald als männliches Klageweib, der dem von Sorgen über die aus der Haft entlassenen Panzerknacker geplagten Dagobert das Jammern abnehmen soll.)

„Icus picus sellericus.“ Juristenlatein für: „Da haben wir den Salat.“ (18. Sonderheft. Donald Duck und der Goldene Helm. Jahrgang 1954. Prophetisch: Anwalt Wendig: „Gratuliere, Herr Duck, Sie kennen die Preise für Luft.“)

„Professor Knall. Keine Schönheit, aber ein bedeutender Chemiker.“ (23. Sonderheft. Donald Duck der Schlangenbeschwörer).

„Twiet!...Jabber!...Quack!...Ponk!...Honk!“ (Kormoranisch. 10. Sonderheft Dagobert Duck, der „arme alte Mann“. Jahrgang 1954)

„Wir pfeifen auf Pomade, auf Seife, Schwamm und Kamm.
Wir bleiben lieber dreckig, und wälzen uns im Schlamm.“ (DD 19/69)

Auf eine Abwandlung des Rütlischwurs aus der Feder von Friedrich Schiller stößt man, wenn Tick, Trick und Track einander an anderer Stelle abermals Seifenabstinenz mit diesen markigen Worten geloben:„Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns waschen und Gefahr.“

Dr. Fuchs jubelte dem Comic-Leser weitere Schiller-Zitate unter (Donald: „Wächst mir ein Kornfeld auf der flachen Hand?“) sowie Busch, Goethe und Shakespeare. Die Welt verdankt ihr originelle Namens- und Wortschöpfungen wie: Die Panzerknacker Bande AG, den griechischen Philosophen Eukalyptos, den Justizrat Wendig, den Maharadscha von Zasterabad, den Wildwestdarsteller Sam Saddlesitter, die üblen Typen Schubiak Schmu, den Haarigen Harry oder Gregor Ganovsky, den Kinderpsychologen Dr. Plappert, Berengar Bläulich, den Nachkommen von Olaf dem Blauen, den Versicherungsdirektor Ungewitter, den Ölmagnaten Kuno Mächtig, den wackeren Hilfspostboten Säbelbein, den alten Barsch Bombastus, die Brieftaube Turbodüse, Donald Ducks Alias als Senor Petrolo de Vaselino, Generaldirektor der Südamerikanischen Ölkompanie, das Dokument „Codex Raptus“, Städte wie das bereits erwähnte Freudenbad/Rührei, die Buckelbergstraße, Bottichs Blecheimerfabrik, die bei Indiana Jones bewußt nachempfundenen Fallen wie „die Brücke der Ballernden Bollen“, „die Schlucht der Schlüpfrigen Schlünde“ und „den Steg der Sausenden Sense“ aus der Story „Die sieben Städte des Cibula“ oder die originellen Musikstücke „Crescendo fortissimo“ von Bompoff und „Der Untergang Pompejis“ von Krachmaninoff.

Auch der gern zitierte Spruch „Dem Ingeniör ist nichts zu schwör“ geht auf Frau Dr. Fuchs zurück, die damit den manchmal geradezu faustischen Erfinder Daniel Düsentrieb treffend charakterisiert.
Viele Namensgebungen erfolgten nicht zufällig. Während beispielsweise Dagobert im Original nach dem Geizkragen Ebenezer Scrooge aus Dickens „A Christmals Carol“ Scrooge McDuck heißt, was dem riesigen $ auf seinem Geldspeicher die Doppelbedeutung von Dollar und seinem Vornamen gibt, trägt er im Deutschen den alten Merowingernamen Dagobert.

Eine Reihe skurriler Onomatopöien sind rein der deutschen Version vorbehalten, beispielsweise: das von Wilhelm Busch ausgeliehene „Klickeradoms“, wo sich ein simples Gemüt wohl schon mit einem einfachen „Schepper“ begnügt hätte, „Rhabarber“, „Grummel“, „Lechz“, „Mummel“, „Krächz“, „Würg“, „Schnurch“ oder der Ducksche Dreiklang „Knurr! Grunz! Brumm.“ All das ist keine Verballhornung der deutschen Sprache, sondern eine liebevolle Spielerei mit ihren facettenreichen Möglichkeiten, die kaum eine andere Hochsprache in der Form überhaupt möglich macht. Das mußte einmal gesagt werden. Zur Ehre zweier genialer Künstler und zu der unserer in letzter Zeit sosehr malträtierten Sprache. Das sehen auch andere als ich genauso, und zwar nicht zu knapp.

Die Fangemeinde

Seit 1977 erforschen und diskutieren die Mitglieder der „Deutschen Organisation der nichtkommerziellen Anhänger des lauteren Donaldismus“ (D.O.N.A.L.D. www.donald.org/de) alles und jedes rund um den weltberühmten Erpel, der trotz sieben Jahrzehnten auf dem Buckel nichts von seinem überschäumenden Temperament eingebüßt hat. Um Vereinsmitglied zu werden, muß der „Dulle-Test“ absolviert werden, der Donald-Kennern wohlbekannt ist. An der Spitze der Organisation steht eine „Präsidente“. Liegt die Leitung in männlicher Hand, so ist die Bezeichnung „Präsiderpel“ statthaft.
Jährlich am 1. April treffen die Freunde des Cholerikers im Matrosenanzug einander zu ihrem Kongreß. Die mittlerweile etwa 600 Fans singen zur Eröffnung traditionell ihre Hymne „Und lieg’ ich dereinst auf der Bahre, dann denkt an meine Gui-tah-re und gebt sie mir mit in mein Gra-hab.“ Der wehmutsvolle Song trägt den Titel „Der rührselige Cowboy“ und stammt aus der Geschichte über den „Schnee-Einsiedel“ in der Micky Maus Nr. 7 aus dem Jahr 1952. Komponiert hat Donald Duck diese Schnulze, deren Rührseligkeit den Schnee zum Schmelzen bringt und Lawinen auslöst.

Die Leitlinien für die Erforschung des Duck-Universums tragen den Titel: „Die Entität des inneren Donaldismus“. Entlang ihnen diskutieren die Vereinsmitglieder Fragen wie: Sind die Ducks exhibitionistisch weil sie unten ohne herumlaufen? Wie schaut es mit der Flugfähigkeit von Enten aus, die keine Flügel, sondern Arme und Hände haben? Schwirren sie beim Rennen deshalb knapp über dem Erdboden, weil in Entenhausen andere Schwerkraftverhältnisse herrschen? Haben die dort heimischen Enten eine unbekannte Kapselkonstruktion im Schnabel, in der sie die Grinse- und Wut-Zähne verschwinden lassen können, wenn ihnen freundlich zu Mute ist? Haben sich ihre Flügel zu Händen mit vier Fingern umgebildet, weil durch radioaktive Strahlen das Erbgut verändert wurde? Oder durch „genetic engineering“ (wenn ja, durch wen)? Sind alle Bewohner des Duck-Kosmos schlichtweg unsterblich oder irgendwie „in der Zeit eingefroren“, weil sie über die Jahrzehnte altersmäßig unverändert bleiben und heute nicht so aussehen, wie Manfred Deix die zu mächtigen Figuren herangewachsenen ehemals kleinen Neffen Tick, Trick und Track einmal liebevoll karikiert hat?

Selbst die vom genialen Barks scheinbar ausgesparte, aber bei genauer Analyse dezent mitschwingende Sexualität wird verschämt erörtert („Wie war das doch damals auf der Teufelszinne mit Donald und Gundula Schwan?“).

Findet bei den Versammlungen eine These oder ein neuer Vortrag aus der „Grundlagenforschung“ Zuspruch, gibt es von den Donaldisten Beifall. Das allerdings nicht durch das Zusammenschlagen der Hände. Vielmehr skandieren sie „Klatsch, klatsch“ als Hommage an die geniale Dr. Erika Fuchs.

FAZ als Spielwiese der Donaldisten

Der Entenkult findet indes nicht nur in Fanzirkeln statt: Hans Magnus Enzensberger, Max Goldt und Eva Heller nahmen hier und da Anleihen aus Donald-Duck-Heftchen. Am weitesten trieben den Entenkult Feuilleton-Redakteuere der ehrwürdigen „Frankfurter Allgemeinen Zeitung.“ Sie brachten von 1997 bis zum April 2000, als dieses Treiben aufflog und eingestellt wurde, zahlreiche Enten-Sprüche und Geschichtentitel in ihren Artikel unter. Meist als Überschrift, in einigen Fällen als Bildtext.
So trug ein FAZ-Artikel über den US-Unabhängigkeitstag den Titel „Hört sich an wie nahes Donnergrollen.“ Ursprünglich fiel der Satz, als die Panzerknacker den Damm des Sees, in dem Dagobert seine 13 Trillionen versteckt hatte, durch Spezialinsekten zum Bersten brachten und die Taler heranfluteten (Sonderheft „Der arme reiche Mann“ von 1955). Neue Chopin-Bücher rezensierten die FAZ-Donaldisten unter der Überschrift „Das Echo hat ausnahmsweise keinen Umweg gemacht.“ Die Besprechung eines Buchs über Aberglauben firmierte unter „Schnurrli, was ficht dich an?“

Einige Texte wurden von den Donaldisten verändert, lassen aber dennoch Rückschlüsse auf ihren Ursprung zu. Etwa dieser Bildtext anläßlich der Besprechung einer „Antigone“-Inszenierung: „Ach, daß mein Herz doch schmölze.“ Im Comic hatte es geheißen: „Ach, daß mein Herz doch schmülze, wie eine saure Sülze.“ Aus der Duck-Zeile „Prickelwasser Entenwein, das ist billig und schmeckt fein“ ward über einem Artikel über den Kurort Bad Ems „Prickelwasser, Emser Wein, das ist teuer und schmeckt fein.“

Widersprechen möchte ich der Ansicht, die in dem Zusammenhang in FAZ-Beiträgen georteten sachlichen Fehler wären eine Folgeerscheinung des Einschmuggelns von Duck-Zitaten. Viel eher könnten sie ein Zeichen des allenthalben beklagten Qualitätsverfalls der Medienszene sein (man denke an Meldungen in „Qualitätszeitungen“: „Halbierung der Toten auf der Landstraße“, „Ausstellung von Bildern von Kindern, die in der Maltherapie entstanden sind“, „Überlebensrate nach plötzlichem Herztod um 20 Prozent gestiegen“, „ein Fußballer wird stündlich Vater von Zwillingen“ und ähnlicher Unsinn).
Sei es wie es sei.

Was jedoch auf jeden Fall einer Korrektur bedarf, ist das verzerrte Bild des berühmten Erpels, der interessanterweise sowohl im linken wie auch rechten Lager (um diese längst überholte Zuordnung der Einfachheit halber zu gebrauchen) scheel angesehen wird. Von den einen wegen seiner angeblichen „monopolkapitalistischen, systemerhaltenden Züge“ (ein gutes Beispiel: Ariel Dorfmann/Armand Mattelart: „Walt Disneys Dritte Welt - Kolonialismus bei Micky Maus und Donald Duck“), von den anderen, weil für sie „Die Ducks“ schlichtweg US-Schund sind. Beide Standpunkte könnten falscher nicht sein.

Donalds satirische Erlebnisse verdienen es nicht, als Ausflüsse reaktionären Spät- oder Neo-Kapitalismus gebrandmarkt oder in den Kübel der Trash-(Un)Kultur geworfen zu werden, in dem Comics generell zu landen pflegen (mit der fast schon dogmatischen Ausnahme von „Asterix“).
Im Gegenteil: Donald Duck gebührt ein Platz in der deutschen literarischen Kultur. Blasphemie? Mitnichten. Nicht grundlos, wenn auch natürlich satirisch gemeint, ist die Originalausgabe der legendären Analyse „Die Ducks - Psychogramm einer Sippe“ 1970 als Band 1 in der „Wissenschaftlichen Verlagsanstalt zur Pflege Deutschen Sinngutes“ erschienen.

Wer tiefer in das komplexe Carl Barks/Dr. Fuchs/Duck-Universum eintauchen will, in dem alles nur denkbar Menschliche liebevoll-ironisch, aber bei aller Subtilität messerscharf reflektiert wird, dem sei dieser immer wieder neu aufgelegte Klassiker empfohlen, den der Zeitungswissenschaftler und Pädagoge Michael Czernich, der Germanist und Philologe Carl-Ludwig Reichert und der Historiker und Soziologe Ludwig Moos unter dem gemeinsamen Pseudonym Grobian Gans (habilitiert mit „Die Libidoschwäche schwanzloser Schwäne“) veröffentlicht haben. Eine echte Fundgrube, randvoll mit schlüssigen Duck-Zitaten, verbunden mit originellen Phantasiequellen, kombiniert mit seriös anmutenden Querverweisen zu Max Weber, Oswald Wiener, Konrad Lorenz, Herbert Marcuse, Max Horkheimer, Mao tse Tung, Hans Magnus Enzensberger, Theodor W. Adorno bis hin zu Lundbergs „Die Reichen und die Superreichen“ über Dagoberts Umtriebe. An diesem Kompendium wird selbst der puristischste Historiker oder Germanist seine helle Freude haben - natürlich nur, wenn er den nötigen Humor mitbringt. Auch für Psychologen und Freunden von Aufdeckungsjournalismus findet sich darin Faszinierendes, werden doch in dieser schonungslosen Analyse Masken aller Art heruntergerissen.

Gustav Gans entpuppt sich als CIA-Agent und Homosexueller. Franz Gans, der Knecht von Oma Duck, wird anhand eines klaren Zitates und einer logischen Interpretation der Zustände auf Omas Hof sogar als ihr geheimer Liebhaber enttarnt. Noch schlimmer sieht es mit der Sexualität der männlichen Ducks aus. Zitat: „Donald kompensiert die Forderungen seines Geschlechtes oral mit einer unbändigen Freßlust, oder in zahllosen pseudogenitalen Aktivitäten (dokumentiert mit Cartoons, in denen Donald phallische Gegenstände, z.B. einen Rammbock, wie rasend handhabt).

Dagoberts Baden im Bargeld, von unbefangenen Beobachtern als schrullige Laune akzeptiert, wird dem Wissenden zum abstoßenden Schauspiel sexueller Perversion. Die Berührung mit Münzmetall und Banknotenpapier versetzt ihn offensichtlich in rasch zunehmende Erregung, bis er sich mit erigiertem Pürzel kopfüber hineinstürzt und zur Erfüllung gelangt. Die Schlüssigkeit dieser Deutung belegt sein Verhalten, nachdem bei ihm eine Porenverstopfung durch Goldstaub diagnostiziert wurde. Er zeigt das verlegene Ausweichen eines Geschlechtskranken.“ (Zitat aus MM 7/66: Arzt: ‚“Wie hat Ihnen das nur passieren können? Wälzen Sie sich etwa in Gold?“. Dagobert, errötend: „Darüber möchte ich nicht reden. (Ahem!)“.)

Auf der Suche nach Entenhausen

Die Kongresse der „Donaldisten“ haben über unzählige Fragen und Facetten des Duck-Universums heftige und tiefe Debatten geführt. Alle Fragen kulminieren letztlich in der einen großen Frage: Wo liegt überhaupt Entenhausen?

Die favorisierteste der Antworten, wo dieses idyllische Örtchen mit sprechenden Tieren und Menschen mit schwarzen quadratischen Nasen denn liege, ist die, daß es in einem Paralleluniversum angesiedelt ist. Dafür sprechen erst einmal die Kohärenz und der Umfang des Barks/Entenhausen-Kosmos, aber nicht nur. Auch die nicht ganz mit den unseren identischen Naturkonstanten könnten ein Indiz dafür sein. So altern die Figuren über die Jahre hinweg bis zu einem gewissen Punkt, an dem sie altersmäßig stehen bleiben, dafür aber dann eine morphologische Veränderung durchmachen. Wohl konnten Entenforscher bei Donald Ducks Schnabel eine normale Entwicklung vom spitzen Kükenschnabel zum rund geformten Schnabel erwachsener Enten ausmachen, aber damit ist die Sache nicht beendet. Donald bleibt zwar ewig ein Erwachsener in jüngeren bis mittleren Jahren, aber seine Struktur wandelte sich von der kleinen Ente mit langem Hals bis einer fast menschenähnlichen Gestalt. Solches gibt es auf unserer Erde nicht. Neben ontogenetischen Argumenten sprechen auch die ungewöhnlichen Schwerkraftverhältnisse für eine Parallel-Erde in einer anderen Dimension. Trotz der evidenten Flugschwäche der Ducks berühren ihre Füße (und auch anderer Protagonisten) wie schon erwähnt beim Rennen nämlich nie den Boden. Statt dessen befinden sie im Laufzustand immer mindestens 10 cm über der Erdoberfläche. Auch die Tatsache, daß die Ducks mit physikalisch unmöglichen kerosinbetriebenen Raumschiffen bewohnte Planeten erreichen können schlägt sich mit unseren physikalischen Gesetzen.

Der schlagendste Beweis dafür, daß wir nicht auf unserer Erde sein dürften, ist jedoch für viele kein naturwissenschaftlicher, sonder der Umstand, daß wir es hier mit einem Amerika zu tun haben, wie es sein sollte, aber absolut nicht ist.

USD - „United States of Ducks“ - das bessere Amerika?

Entenhausens Währung, der Taler, ist unverändert durch Sachmittel (hauptsächlich Gold) voll gedeckt und von einer Stabilität, von der die Herren der privaten US-Nationalbank „Federal Reserve“ nicht einmal träumen können. Inflation gibt es so gut wie keine, und wenn doch, dann sorgt im Gegensatz zu unserer globalisierten Spekulationswelt ein gesundes freies Spiel der Marktkräfte für heilsame Korrekturen. Als in der Micky Maus Nr. 3 von 1952 Dagoberts Geld durch einen Wirbelsturm aus seinem offenen Geldspeicher gesaugt und über das ganze Land verteilt wird, wobei es den Bürgern wie Sterntaler in den Schoß fällt, hört jeder sofort zu arbeiten auf. Außer dem unfreiwillig spendablen Ex-Kapitalisten selbst. Das erlaubt Dagobert für seine nunmehr knappen Produkte kurzfristig enorm hohe Preise zu verlangen. Bald haben alle ihr vom Himmel gefallenes Geld ausgegeben. Dagobert hat sein Vermögen wieder und die Arbeitsgesellschaft ist glücklich wiederhergestellt.

Ansonsten herrscht in Donalds Staat Mäzenatenkultur und sorgfältige Verwendung von Mitteln
(spätestens jetzt ist vielen klar: Das ist nicht unser Planet!). Die Politiker sehen ihre Aufgabe nicht im Verschwenden von Steuergeldern, vielmehr treten sie meist als Spendensammler auf. Dabei kommt die Idee des gesunden Wettbewerbs keineswegs zu kurz. So stacheln die Stadtväter von Entenhausen Dagobert Duck zu einen Wettkampf mit dem Maharadscha von Zasterabad an, der frech behauptet, reicher als Dagobert zu sein. Der Wettkampf, wer das größte Denkmal des Entenhausener Stadtgründers Emil Erpel baut, endet wie nicht anders zu erwarten, mit einem fulminanten Sieg Dagoberts, während der indische Ex-Milliardär, nunmehr nicht in Samt und Seide gehüllt sondern bekleidet mit dem bekannten Faß mit Hosenträgern, betteln muß. Nichtsdestotrotz: Nie sah eine Stadt mehr Kultursponsoring und nie größere Kulturdenkmäler, wenn auch identische bis auf die letzten beiden. Aufgrund der Vielzahl immer größerer Emil Erpel-Statuen hatten die Stadtväter die Kontrahenten nämlich gebeten, zur Abwechslung Statuen von sich selbst zu errichten. Die Finanzierung der eigenen, mit Brillanten und anderen Edelsteinen bedeckten Goldstatue ruiniert den Maharadscha, während Dagobert für seine doppelt so große Selbstplastik aus Platin nur das Kleingeld aus seinem Geldspeicher verbraucht.

Auch sonst ist Entenhausen so amerikanisch liberal und tolerant, wie die nunmehr einzige Weltmacht sich gerne selber sieht aber schon lange nicht mehr ist, seit dem 11. September 2001 schon gar nicht. Was in Entenhausen herrscht, ist die klassische Toleranzidee der US-Gründerväter und nicht die immer extremere Exzesse produzierende „political correctness.“ Entenhausens Außenpolitik ist non-existent und daher im klassischen uramerikanischen Sinne isolationistisch, getreu der Monroe-Doktrin von 1823 mit ihrem strikten Verbot der Einmischung in die Belange anderer Staaten, von „Präventivkriegen auf Verdacht“ ganz zu schweigen.

Unzählige Gattungen leben friedlich beieinander, ein multikultureller (besser multigenetischer) Schmelztiegel, wie er hienieden weder in den USA noch sonst wo existiert. Natürlich gibt es das eine andere Klischee und ethnische Stereotypen (Eingeborene tragen immer Baströcke und trommeln wild wie der Import-Afrikaner „Donnerstag“), aber sie werden liebevoll präsentiert, wecken bei niemanden Antagonismen und führen nicht zu immer groteskeren, ruinösen Anti-Diskriminierungsprozessen.
Diese amerikanische Reinkultur, wie es sie nur in Entenhausen gibt, funktioniert aufs Prächtigste. So war es unvermeidbar, daß Donald ein erzieherisches Leitbild wurde, und Entenhausen das nie verwirklichte Idealbild einer liberalen Demokratie, wie es das „echte“ Amerika nie geschafft hat.
Natürlich gab es, nachdem Carl Barks den Ruhm Entenhausens etabliert hatte, plumpe Versuche, seine Schöpfung nach Deutschland zu verlegen. Wie kolportiert wird, meinte die Berliner Zeitung „Tagesspiegel“ einmal, bewiesen zu haben, daß Entenhausen mit Berlin identisch sei weil in einem Band der Disney-Reihe „Lustige Taschenbücher“ Onkel Dagobert eine Zeitung in der Hand hält, deren Titel „Tagesspiegel“ lautet. Nun weiß jeder Donaldist, daß in den „Lustigen Taschenbüchern“ keine der unsterblichen Werke von Barks aus den Jahren 1942-1967 abgedruckt sind, sondern italienische Comics, in denen Donald sogar mit fünf Fingern dargestellt wird.

Es ist das unsterbliche Verdienst des Carl Barks, uns dieses utopische Leit- und Vorbild und damit unzählige Stunden der Freude für Groß und Klein gebracht zu haben. Im schönen Duckhimmel ist sicher die Ehrenloge für ihn reserviert. 70 Jahre Donald Duck - da kann man nur mit Tick, Trick und Track und völlig untypisch für mich sagen: „Das Leben ist eins der schönsten.“
Viktor Farkas