DONALD DUCK UND DIE DICHTER

satt.org
literatur, 2001
Marc Degens

Formen und Funktionen des Comiczitats in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

2.2.3 Donald Duck und Dante
(Auszug)
Es scheint auch nicht mehr so zu sein, daß die Intertextualität die Intersubjektivität für alle Zeiten ersetzt hat, so wie es Julia Kristeva glaubte, vielmehr stärkt jene heute die Subjektivität des Autors als intentionale, d. h. auswählende Instanz. Durch sein individuelles Verhältnis zum »universalen Intertext« erzielt der Autor Distinktionsgewinne und also künstlerische Identität:

"Dino Buzatti hat einmal geschrieben, die menschlichen Enten des Carl Barks böten für die Weltkunst ein so bedeutendes Figuren Repertoire wie die von Moliere, Goldoni, Balzac oder Dickens.

Und für Gottfried Helnwein, der eine Ausstellung über Donald und seine Welt zusammengestellt hat, ist Barks der einzige bedeutende Künstler unseres Jahrhunderts neben Picasso. Aber der ästhetische und soziale Reichtum, den Donald Duck Leserinnen und Leser in aller Welt schätzen und lieben [...] all das macht Donald zum Zentrum einer universalen, dynamischen Kunst-Welt. Aber in Deutschland ist er mehr; in der Bundesrepublik und in Österreich gibt es nur wenige Biographien, in denen er nicht eine fundamentale Bedeutung hat, eine Überlebensbedeutung, eine Fluchtbedeutung, eine Wahrheitsbedeutung.

Da drüben, im Osten, gab es ein Land, in dem es keinen Rock'n'Roll und keine Audie Murphy Western gab; noch schlimmer aber: Es war eine Welt ohne Donald Duck." (Seeßlen, 95f.)

Das von Carl Barks und Erika Fuchs geschaffene Duck-Universum hat also mittlerweile die potentiell legitimierte Kunstsphäre verlassen und steht - wie oben gezeigt - scheinbar gleichberechtigt neben Werken von Dickens, Picasso und Balzac.

Für Hans Magnus Enzensberger ist diese Entwicklung jedoch bloß der Ausdruck "der Indifferenz eines pluralistischen Marktes, dem der Unterschied zwischen Dante und Donald Duck Jacke wie Hose ist"(126.
Denn keinesfalls wurde der künstlerische Kanon abgeschafft, vielmehr sind die vormals anscheinend eindeutigen künstlerischen Unterscheidungskriterien abhanden gekommen, so daß jeder Schaffende heute selber seinen eigenen »Olymp« zimmern kann. Gleichwohl ist damit auch das poststrukturalistische Intertextualitätskonzept fragwürdig geworden. Weder die wechselseitig literarischen, noch die symbolisch-sozialen Intertextualitätsbeziehungen der Comicliteratur spielen für die Autoren mittlerweile eine Rolle, ihr Augenmerk richtet sich allein auf ihr persönliches Verhältnis zur Trivialliteratur - in diesem Fall zu Donald Duck. Jüngere Autoren wie Peter Glaser127, Max Goldt oder Richard Kähler128 rekurrieren bewußt auf ihn, Georg Seeßlen nennt ihn seinen Freund129, und der Bildhauer und Autor Alfred Hrdlicka unterzeichnet seine Zeitschriftenartikel und Leserbriefe gelegentlich sogar mit Donald Duck(130 0.



2.2 Donald Duck und die Dichter 2.2.1 Eine moderne Mythologie
(AUSZUG)
H. C. Artmann hatte mit der Mutmaßung recht, daß Comics heutzutage Gegenstand ernsthafter, intellektueller Erörterungen sind: die wissenschaftliche Sekundärliteratur zu diesem Thema hat schier unüberschaubare Ausmaße angenommen(110) und fast jedes deutsche Feuilleton, und damit eine der klassischen Legitimationsinstanzen im Sinne Bourdieus, berichtet regelmäßig aus der Welt der Bildgeschichten. Doch Artmann geht es nicht um die gesellschaftliche Anerkennung der Literaturform Comics, sein Augenmerk richtet sich vielmehr auf den mythologischen Gehalt der Geschichten, insbesondere der aus Entenhausen:

"Der einzige mensch, der es heutzutage noch versteht, ordentlich die welt zu besehen, ist Donald Duck. Aber der hat auch einen schwerreichen onkel, der ihn, obgleich ein geizkragen von rang, häufig auf reisen mitnimmt oder auf solche ausschickt, irgendwohin, meistens nach inseln, um dort nach dem rechten zu sehen. Ich schätze daher den Donald Duck, trotz seiner bisweilen kaum entschuldbaren ungeschicktheit, sehr. er ist der letzte, der mir von allen großen weltdetektiven geblieben ist." (Artmann, 1979, S. 104.)

Donald Duck ist für Artmann ebenso wie Dracula oder Maigret fester Bestandteil einer modernen Mythologie, eines »universalen Intertextes«, der keine Schranken kennt. Artmann löst das kulturelle Material deshalb aus seinen sozialen Kontexten und befreit die Protagonisten von ihren Genregrenzen. Artmanns Textwelten werden von realen Personen, Amtsinhabern und Trivialcharakteren bevölkert, die alles dürfen, alles können:

"Maigret verläßt das theater und verlangt in der kantine ein glas weißwein, Donald Duck spielt mir einer taschenguillotine, Frisco Kid begehrt seine tante (sie ist nicht alt), Dracula stöhnt auf, Österreichs jeweiliges staatsoberhaupt heizt eingedenk kommender winter kanonenöfchen, Hermann Piwitt verbirgt eine rote nase hinter einer künstlichen, weißen aus papermaché [...] Madame Ngo Dinh Nhu winkt mit einem strauß brennesseln hinter der sperre, auch Donald Duck fährt ab [er hat einige minderjährige zuschauerinnen geschwängert und flieht die küche], zwei oberkellner bewerfen sich mit pfefferstreuern, jemand pfeift schrill aus einer seitengasse. Eine gute abendmahlzeit ist abgeschlossen." (Artmann, 1979, S. 20f.)