Der Architekt von Entenhausen
Westfälische Rundschau
19.3.94
Walter Bau
Ächz! Stöhn! Smack! Der Comic ist reif fürs Museum. Aber nicht irgendein Comic. Donald Duck, als gutmütiger Pechvogel aus Entenhausen längst zur Kultfigur avanciert, wird diese Ehre zuteil. Gefeiert wird aber auch der Schöpfer des legendären Enterichs: Carl Barks, mittlerweile 92jähriger Comic-Zeichner aus den USA. Eine Werkschau bietet derzeit das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover. Für Comic-Fans ein Muß. Smash!!!
Meist traut er sich nicht so ganz. Und wenn der gute Donald dann mal seinen ganzen Mut zusammennimmt, spielt die Dame seines Herzens nicht mit und läßt ihn abblitzen. Sie können zusammen nicht kommen, der wackere Donald Duck und seine geliebte Daisy. Nur einmal, da hat’s gefunkt. Da bekam der brave Enterich von einer Verehrerin, der er das Leben gerettet hatte, einen dicken Kuß auf den Entenschnabel gedrückt. Schmatz!! Aber das war es dann auch schon, was die Chefs in den Walt-Disney-Studios dem Comic-Helden in Sachen Erotik zustanden.
Jaja, so ein Erpel hat’s nicht leicht. Schon mal gar nicht, wenn man über sein Schicksal nicht selber bestimmen kann. Wie gern möchte Donald der strahlende Held sein, von den Damen bewundert, von den Herren beneidet. Aber daraus wird nichts. Donald Duck, gerade 60 Jahre alt geworden und damit fast schon im Rentenalter, ist der ewige Verlierer, der bestenfalls Mitgleid erntet. Gutmütig und hilfsbereit, aber den Ruhm kassiert am Ende ein anderer. Schnief, schnief.
Eigentlich kann Donald gar nichts dafür, wenn seine Neffen Tick, Trick und Track ihm mal wieder einen Streich spielen oder der geldgierige Onkel Dagobert ihn um den verdienten Lohn bringt. Es ist der Mann mit dem Zeichenstift, der über Wohl und Wehe der Comicfigur entscheidet. Und der war im Fall Donald fast 25 Jahre lang der US-Amerikaner Carl Barks. Schon Anfang der 30er Jahre in den Walt-Disney-Studios als Fließband-Zeichner tätig, wurde der große Disney selbst auf das Talent Barks’ aufmerksam.
Der junge Künstler wurde alsbald zu Höherem berufen und entwickelte 1934 die Figur des Erpels Donald Duck. Doch damit nicht genug. Auch Charaktere wie der schwerreiche Geizkragen Onkel Dagobert, die hinterhältige Panzerknacker-Bande oder der geniale Erfinder Daniel Düsentrieb entstammen der Feder von Carl Barks. Barks erschuf den Mikrokosmos von Entenhausen, mit dem prall gefüllten Geldspeicher Dagoberts als Mittelpunkt. Er schickte seine Helden durch allerlei Abendteuer, ins Weltall genauso wie in die Tiefen des Ozeans. Auf tausend von Seiten verewigte Barks seine Geschöpfe – doch niemals stand am Fuß der Seite der Name des Zeichners. Die Rechte gehören der Walt-Disney-Company.
Wie seinem Schützling Donald blieb Barks der Ruhm versagt. Dies änderte sich erst vor zwölf Jahren. Damals, 1982, erschienen Barks’ gesammelte Werke in den USA erstmals als Nachdruck.
Helnwein sieht Donald Duck in einer Reihe mit Mona Lisa
Die Ausgabe machte den heute 92jährigen kauzigen Alten, der seit Jahren fernab der Zivilisation auf seiner Ranch in den Rocky Mountains lebt, zur Kultfigur der Comic-Fans in aller Welt und machte ihn zu einem wohlhabenden Mann.
Für den Comic-Fachmann und Künstler Gottfried Helnwein, der im Hannoveraner Wilhelm-Busch-Museum zu ehren von Barks eine Ausstellung mit 164 Exponaten des Zeichners organisierte, steht der Amerikaner als Künstler “in einer Reihe mit Leonardo da Vinci und Michelangelo”. Und den Comic sieht er als “bedeutendste Kunst des Jahrhunderts”.
Glaubt man Helnwein (“Mein Leben ist eine einzige Suche nach dem Gral von Entenhausen”), stünde Donald Duck in einer Reihe mit Mona Lisa. Tatsache ist, daß Donald in Deutschland weitaus beliebter ist als in seiner amerikanischen Heimat. “In den USA liebt man die starken Helden wie Superman oder Batman”, weiß Helnwein, “die looser, die Verlierer, stehen hintenan.” Gerade das Menschliche aber ist es, was den tapsigen Erpel bei seinen deutschen Lesern so beliebt macht. Donald ist alles und vom allem das Gegenteil: lieb und verschlagen, heldenhaft und feige, himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Eine Figur voller Widersprüche eben, eine Ente wie du und ich. Helnwein: “Der Leser erkennt sich in der figure des Donald Duck ständig wieder.”
Für den deutschen Comic-Freund kommt noch ein Aspekt hinzu. Zum Glücksfall Carl Barks gesellte sich nähmlich der Glücksfall Erika Fuchs – die Frau, die die Sprechblasen der Helden von Entenhausen ins Deutsche übersetzte. Dabei schuf sie Klassiker wie den Ausruf von Juristizrat Wendig: “Sicus, Picus, Sellericus!”. Im Klartext: “Da haben wir den Salat!” Daniel Düsentriebs Ausruf “Dem Ingeniör ist nichts zu schwör” gehört längst zum allgemeinen Sprachschatz. Den Panzerknackern legte sie in den Mund: “Wir sind die schlimmsten Knacker der Welt. Knacken und zwacken, wo’s uns gefällt.” Trotz ihrer 88 Jahre hat sich Erika Fuchs erst kürzlich aus dem Ruhestand zurückgemeldet in Entenhausen.
Die Ausstellung “Donald – Die Ente ist Mensch geworden. Das zeichnerische Werk von Carl Barks” läuft bis zum 23. Mai im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover. Begleitend zur Ausstellung erschien das Buch von Gottfried Helnwein “Wer ist Carl Barks”, 39,80 Mark, Neff-Verlag.