Der Besuch der alten Ente

Gottfried Helnwein bringt Donald Duck auf Spandaus Zitadelle

Berliner Zeitung
9.2.96
Matthias Kunert

Gottfried Helnwein will endlich ein internationales Comic-Museum, und das könnte sich der berühmte Wiener auch in Spandau vorstellen. Heute beginnt als Vorgeschmack in der Zitadelle die Ausstellung über den Donald-Duck-Zeichner Carl Barks.

Der Typ hat alles schon einmal gemacht: Spielzeugtester für den Weihnachtsmann, Fremdenlegionär, Schlangenbeschwörer, Tierpfleger im Haifischbassin, professioneller Sorgenmacher oder Denkmalreiniger an der Felsenskulptur des Mount Rushmore. Nun besuchen Donald Duck und seine gezeichneten Gefährten die Havelstadt Spandau. Eine umfassende Ausstellung informiert über den Zeichner Carl Barks, sein berühmtestes Produkt und seine Nachahmer. Der Zeichentisch von Barks ist Teil der Schau. Originale Druckvorlagen sind den fertigen Seiten gegenübergestellt, und geben damit einen exzellenten Eindruck von der häufig unterschätzten künstlerischen Qualität gerade dieser Comics.

Die Ausstellung, die jetzt in der Zitadelle zu sehen ist, haben Berliner Comic-Experte Carsten Laqua und der Wiener Maler Gottfried Helnwein, der seit Jahren mit Carl Barks befreundet ist, vor zwei Jahren auf die Reise geschickt. Seit März 1994 machte die Carl-Barks-Schau in Hannover, München, Hamburg, Oberhausen, Mainz, und Köln Station. Nach Spandau folgt in Deutschland nur noch Erfurt, bevor es nach Wien und New York geht.

Welche Folgen der Besuch der inzwischen 62 Jahre alten Ente für Spandau haben kann, ist noch unklar. Helnwein und Laqua warben zur Eröffnung für ihre Idee eines internationalen Comic-Museums. Laqua: “In Deutschland gibt es so etwas überhaupt noch nicht, und die vorhandenen Museen in Belgien, Frankreich und den USA befassen sich jeweils nur mit der nationalen Comic-Kultur.”  Exponate stünden bereit, so Laqua, nur das nötige Haus fehle.  Helnwein findet, Berlin sei ein guter Platz für solch ein Museum: “Die Kulturbäuerei im Prenzlauer Berg zum Beispiel, wo 4000 Quadratmeter frei sind. Oder haben Sie hier in Spandau was?”  Worauf Kulturstadtrat Gerhard Hanke (CDU) nach schnellem Blick zum Kunstamtsleiter ruft: “Steinmöller, den finden wir, nicht war?!”

Der Name des Erpels – Carl Barks

Am 27. März 1901 wird Carl Barks in der Nähe von Merrill in USA-Bundesstaat Oregon geboren. Mit zehn Jahren etwa beginnt er zu zeichnen. Fünf Jahre später stirbt seine Mutter, er verläßt die Schule und hilft seinem Vater au dessen Ranch. Nebenbei belegt Barks einen Fernkursus des London School of Cartooning. Als er 17 ist, zieht er mit immerhin 100 Dollar in der Tasche allein nach San Francisco. Doch keine Zeitung will seine Zeichnungen haben – die Konkurenz ist zu groß.

Erst 1935 bewirbt sich Barks in den Disney-Studios und wird als “Zwischenphasenzeichner” für Cartoonfilme eingestellt. Daneben verkauft er Gags und Scripts an die Comic-Strip-Abteilung von Disney. Seine erste Donald-Duck-geschichte (diese Entenfigur war 1934 geschaffen worden) zeichnet Barks 1942: “Donald Duck finds Pirate Gold”. In der Folgezeit gibt Barks als Mitarbeiter der mit Disney kooperierenden Western Publishing der Figur einen völlig neuen, eigenen Charakter. Er entwickelt außerdem zahlreiche Nebenfiguren, die immer wieder auftauchen, und die Welt von Entenhausen.

Insgesamt zeichnet er für die Disney-Comics 6215 Seiten und 190 Covers, und er schreibt für sie 396 Scripts. Das Werk erscheint in den achtziger Jahren in einer 30bändigen Gesamtausgabe.

Am 30. Juni 1966, drei Monate nach seinem 65. Geburstag, scheidet Barks bei Western Publishing aus. Auf Drängen von Fans malt er zwischen 1971 und 1976 122 Ölgemälde von “seiner” Ente. Heute lebt Carl Barks wieder in Oregon.