Ente stahl der Maus die Schau

Das Kölner Museum für Angewandte Kunst ehrt Donald Duck und seinen Zeichner Carl Barks

Kölner Stadt-Anzeiger
13.10.95
Daniel Kothenschulte

Überlassen wir es den Gelehrten zu entscheiden, was zuerst da war – die Ente oder das Ei. Der Erpel jedenfalls, der jetzt von Museum für Angewandte Kunst mit einer großen Ausstellung geehrt wird, entsprang ohnehin einem gewöhnlichen Zeichenstift.

So geschehen vor mehr als 60 Jahren – auch wenn Disney-Veröffentlichungen noch immer eine andere Version bereithalten:Am 13. März 1934 soll Donald in einer Stürmischen Nacht höchstpersönlich in einer Schlammblase durch ein Studio-Fenster geflogen sein, wo er lautstark eine Autorenkonferenz unterbrochen habe: Seine ersten, geschmetterten Worte: “Wollt ihr was von mir?”  Im Disney-Archiv, wo man die Mitschriften der Konferenz noch immer nachschlagen kann, fehlt jedoch dieser Eintrag.

Walt Disneys Stolz

Schon 1935 wollte es eine Reporterin genauer wissen, als sie Walt Disney selber fragte, auf wessen Idee die Schöpfung des Enterichs nun eigentlich zurückgehe. Disney, dessen Namen die Comic-Hefte noch heute tragen, zog sich brilliant aus der Affäre: Donald sei überhaupt nie eine Idee gewesen, sondern eben eine Sprechende Ente – immer schon. Wenn es also ein Geburtsdatum von Donald Duck geben soll, so kann es nur jener Tag sein, an dem erstmals sein gezeichnetes, abfotografiertes Konterfei das Licht einens Projektors erblickte. Das war der 9. Juni 1934 – Premiertag des Kurzfilms “The Wise Little Hen”.
Der junge Donald ist hier noch weit entfernt von jenem unverwechselbaren Profil des Cholerikers, des unermüdlichen Verlierers, mehr Wüterich als Enterich. In dieser Eigenschaft nannte ihn der Komiker Louis de Funés später stets als großes Vorbild. In seiner unverwechselbaren Rolle ist Donald bekannter geworden als so ziemlich alle menschlichen Filmstars. Aber hinter seiner prägnanten Erscheinung verliert sich oft leider auch die Erinnerung an einzelne Filme. In ihrer Heimat längst als Klassiker anerkannt, fristen diese zumeist siebenminütigen Kleinode hierzulande ein Schattendasein im Kinderprogramm.

Die ersten Donald-Zeichner waren Art Babitt und Dick Huemer, Meister ihrer Zunft. Aber erst der Regisseur Jack Hannah, der rund 25 Jahre land der Ente Treue hielt, verhalf Donald zu stimmigen Proportionen und Charakter. Donalds folgende Filme zeigen ihn an der Seite von Mickey Maus: Dieses Aushängeschild des Studios hatte sich in kurzer Zeit von einem ungeheuer aggressiven Burschen zum nationalen Lieblling entwickelt, con dem nunmehr Liebenswürdigkeit und Nettigkeit erwartet wurden.

Disney selbst vermißte die anarcische Seite der Figur (“Was kann man mit einem solchen Hauptdarsteller schon machen”) und übertrug sie kurzerhand Donald. Er stahl der Maus in Filmen wie “Orphan’s Benefit” und “The Band Concert” prompt die Schau und avancierte bei aller Grantigkeit zum beliebesten Cartoon-Star aller Zeiten.

1935 trat ein weiterer Zeichner ins Disney-Studio ein, der Donalds Geschicke Jahre später entscheidend bestimmen sollte. Carl Barks, dessen zeichnerisches Werk im Mittelpunkt dieser Kölner Ausstellung steht, gilt vielen als begabtester Zeichner und Geschichtenerzähler der Comic-Kunst. So jedenfalls sieht es der Wiener Grafiker Gottfried Helnwein, der seine umfassende Barks-Kollektion selbst im Museum arrangierte.

Erst spät wurde der Künstler identifiziert: So wie die Kunstgeschichte zu Hilfsnamen greift, um etwa den “Meister der Ursulalegende” zu benennen, verständigten sich seine ersten Bewunderer auf ein heute geflügeltes Wort – den “guten Zeichner” nannten sie Barks schlicht.

Überrascht vom Erfolg

Ein biblisches Alter mußte der jetzt 94jährige erreichen, um museale Anerkennung zu erfahren. Es berührt, ihn nun an jenen Wänden ausgestellt zu sehen, die früher einmal Peter Ludwigs Pop-art-Sammlung schmückte. Erst in den Interpretationen eines Roy Lichtenstein und Andy Warhol hielt man Mickey und Donald seinerzeit für museumswürdig.

Wer Barks 1994 auf seiner ersten Europareise erlebte, weiß, wie sehr ihn sein Ruhm immer wieder selbst überraschte. “Ich bin wie Donald”, sagte er beschieden. “Ich stolpere so durchs Leben. Alle Jubeljahre habe ich Glück, öfter aber nicht.”  Sowenig sich Barks, der sich aus guten Grund in die Abgesciedenheit der kalifornischen Wüste zurückzog, auch für öffentliche Ehren interessierte, so sehr rührte ihn die Liebe, auf die er allenthalben traf. Höflich beantwortete er jede der zahllosen Fragen, die natürlich insbesondere seinen zahlreichen Kindern galten: Jener Entenfamilie, die er dem berühmten Donald zur Seite gestellt hatte, um diesem jenseits der Kinoleinwand zu einer bürgerlichen Existenz zu verelfen.

In seinen Comics, die er ab 1942 zeichnete und schrieb, hat Barks der Ente ein Universum entworfen und einen geizigen Onkel, eine Welt der Phantasie, die doch stets auch die Gegenwart karikierte. Die Begegnungen mit den Originalen seiner Bleistift- und Tuschzeichnungen, für die er ein erstaunliches großes Format wählte, zeigt aber vor allem seine Bedeutung als Zeichner: Er konnte mit wenigen Linien die “Panels” der Zeitungsseiten in plastische, dynamische Bildräume verwandeln. So muten seine Enten bei linearer Anlage dennoch vollplastisch an.

Die Ausstellung zeigt aber auch Arbeiten des Künstlers für das Kino, darunter eine unbekannte Storyboard-Skizze aus einer geschnittenen Szene von “Schneewittchen”. Die von Barks geschriebenen Donald-Duck-Filme sind leider nur in erbärmlichen Video-Überspielungen zu sehen.

Pate für Peter Pan

Dabei sind sie höchst aufschlußreich: In “Donald’s Nephews” (1938) führt er Tick, Trick und Track ein, die auch in dem meisterhaften, kaum bekannten Seestück “Sea Scouts” (1939) zu sehen sind: Donalds Zweikampf mit einem wahrhaft furchterregenden Haifisch ist ein Glanzstück der Figurenanimation, das noch bei “Peter Pan” (1953) Pate stand. “Walt Disney ließ uns immer das letzte Wort”, erzählte Barks im vorigen Jahr verschmitzt. “Vorausgesetzt es lautete: ‘Yes, Walt!’.”

Nirgendwo ist Barks so populär wie in Deutschland. Gleichwohl hat die hiesige Rezeption ihm mitunter übel mitgespielt. Die humorigen Wortkaskaden seiner Übersetzerin Erika Fuchs besänftigen zwar skeptische Germanisten, verkehrten jedoch Barks’ Lakonie ins Gegenteil. Schlimmer noch die selbstgefälligen Interpretationsversuche sogenannter “Donaldisten”: Mit ihnen bemächtigte sich die deutsche Vereinsmeierei endgültig seiner spielerischen Leichtigkeit.

Auch wenn es Barks heute vorzieht, Enten in Öl zu malen, umspielt von Rembrantschem Licht – seine eigentliche Kunst entfaltete sich in der Zeichnung. Erst mit Blick auf die technische Reproduktion vollendeten sich seine Einzelbilder zu originärer Zeitungskunst. Mit Blick aufs beschiedene Einkommen seiner jungen Leser erklärt Barks auch seinen Detailreichtum: “Kam mir ein Bild leer vor, habe ich etwas hineingesetzt. Ich möchte, daß die Leute etwas für ihr Geld bekommen.”