OÖ Rundschau
Musik & Kultur
9.3.06

Schock-Künstler Gottfried Helnwein in Rundschau-Interview über Provokation und seinen großen Lehrmeister Donald Duck:

“Entenhausen gab mir Sinn”



LINZ / Mit provokativen, verstörenden Bildern wurde Gottfried Helnwein bekannt. Ab Freitag stellt der 57-Jährige erstmals seit 1985 wieder in Österreich aus – ausgerechnet im Linzer Lentos.

OÖ Rundschau: Herr Helnwein, warum Linz?

Gottfried Helnwein: Weil mich Direktorin Stella Rollig fragte. Ich fand das reizvoll, da ich das Museum derzeit für eines der interesantesten in Europa halte.

OÖ Rundschau: Der Untertitel der Ausstellung lautet “One Man Show”. Klingt ein bisschen nach Alleinunterhalter.

Gottfried Helnwein: Die Bildende Kunst ist ein einsames Geschäft. Ich verbringe die meiste Zeit alleine im Atelier und im Gegensatz zu den darstellenden Künsten gibt es da kein Publikum und keine Interaktion mit irgendwelchen Partnern oder Mitspielern. Als Kind erschien mir das höchste Ideal künstlerischer Existenz, Mitglied der Rolling Stones zu sein. Rückwirkend betrachtet finde ich, dass ich da nicht ganz falsch lag, denn Rockmusiker scheinen im Gegensatz zu uns Malern vor allem eines zu haben: more cash and more fun.

OÖ Rundschau: Rockmusik, Comics und Film sind ja für Sie die Künste des 20. Jahrhunderts.

Gottfried Helnwein: In der Renaissancezeit waren Maler die Stars, Musikanten und Schauspieler am unteren Ende der Gesellschaft. Heute ist es umgekehrt, (Film-) Schauspieler und Musiker sind die Stars, Bildende Künstler spielen dagegen keine große Rolle mehr und gehören eher der Freak-Abteilung an. Ich glaube, dass bedeutende Kunst immer auch den Zustand der Jeweiligen Gesellschaft reflektieren und auf die Probleme der Zeit kritisch reagieren sollte. Wo sind heute, die Goyas, die die “Gräuel des Krieges” darstellen? Die Zeitgenössische Kunstszene ergeht sich derzeit vor allem in schwachsinnigen neo-dadaistischen Gags und Insider-Jokes. Und obwohl die Scheiße der US-Entertainment-Industrie langsam alles Künstlerische unter sich begräbt, gibt es in den Bereichen Film, Comics und Rockmusik noch vereinzelte Rebellen, die Kunst und Ästhetik als Waffe verstehen und einsetzen.

OÖ Rundschau: Viele Ihrer Bilder verwirren, verunsichern, provozieren. Ist das die Aufgabe der Kunst?

Gottfried Helnwein: Kandinsky sagte: “In der Kunst ist alles erlaubt.” Für mich ist Kunst vor allem die Möglichkeit, auf den Wahnsinn um mich herum zu reagieren, mich zu wehren und zurückzuschlagen.

OÖ Rundschau: Sie haben einmal gesagt: “Ich habe von Donald Duck mehr über das Leben gelernt, als ich in allen Schulen, als in allen Schulen, in denen ich war”. Was denn?

Gottfried Helnwein: Das Füllhorn der Weisheiten, das Donald über mich ausgoss, ist so reichhaltig, dass es den Rahmen dieses Gespräches sprengen würde, darauf im Einzelnen einzugehen. Aber glauben Sie mir, erst Entenhausen hat meinem Leben Sinn gegeben.

OÖ Rundschau: Sie wollten als Kind Pabst und Bundespräsident werden, mit 16 Revolutionsführer. Sind Sie mit dem Erreichten trotzdem zufrieden?

Gottfried Helnwein: Zufrieden bin ich nie, aber ich danke dem Herrgott auf meinen Knien, dass er meine kindlichen Wunschträume nicht in Erfüllung gehen ließ.