Kronen Zeitung
Kultur
9. März 2006

Helnwein-Schau “Face It” im Linzer Kustmuseum Lentos: Ein Altmeister großer Gefühle

“Jede Zeit hat die Kunst, die sie verdient”, meint Gottfried Helnwein. Der “Schockkünstler” präsentiert sich erstmals seit Jahren wieder mit einer riesigen Werkschau in seiner Heimat Österreich. Die retrospektive ist im Linzer Kunstmuseum Lentos zu sehen: deformierte, schrecklich schöne, magische Gesichter. Helnweins altmeisterliches Können, unmittelbar mit Kunst zu reagieren, lodert ungebrochen!

Mit hyperrealistischen Darstellungen von bandagierten, verwundeten Kindern provozierte Helnwein (58) früher die Bürgerseele. Die Kunst des mittlerweile in Los Angeles und Irland Lebenden spekuliert nach wie vor mit den Grenzen der “political correctness”: Er schickt ein Kind mit verbundenen Augen durch ein Feld mit leblosen Körpern; er zeigt Totgeborene, malt einen neuen Messias.

“Meine Kunst beinhaltet all die Dinge, die mich entsetzen oder aufregen”, sagt Helnwein. Die “Wahnsinnstaten der unmittelbaren Vorfahren” hätten ihn, den Nachgeborenen, von Kindheit an schockiert. Erst die begegnung mit Walt Disneys “Entenhausen” – ein bunter Lichtblick in der bitteren Nachkriegszeit – hat Helnwein mit dem Leben etwas ausgesöhnt. Darum wies er auch Donald Duck in seiner Bildwelt eine wesentliche Rolle zu.

Mit vierzig großen Formaten ist der lichtdurchflutete Festsaal im Lentos wunderbar bespielt, beispielhaft streift man durch Helnweins Schaffensperioden ab den Siebzigern. Neben der Zeichnung, Aquarell-, Acryl- und Ölmalerei geht er heute vor allem auch mittels digitaler Fotografie vor, die er aber im Endergebnis wieder zu gemalten Bildern führt.

Sein altmeisterliches Können lodert ungebrochen, auch wenn die “Deformationen” heute ästhetisch subtiler aussehen. So porträtiert er den provokanten amerikanischen Schock-Rocker Marilyn Manson, er macht ihm zu einem mordsgefährlichen Clown mit Mickey-Maus-Ohren. Die Kinderbild-Serie “Sleep” vermeidet eindeutige Inszenierungen, dennoch überschreitet er auch hier die Grenzen des Sichtbaren. Helnweins Kunst ist auch heute schrecklich schön, magisch, abstoßend, voll großer Gefühle – und trifft mitten ins Herz! 

VR