Comics als Kunst des 20. Jahrhunderts – Gottfried Helnwein faszinieren die bunten Bilder: Plötlich war ich in Entenhausen

Rhein-Zeitung
17. März 1994
Michael Stoll

Der international bekannte Maler und Fotograf erzählte in Koblenz von sich und seinem Werk.

Koblenz. Ein leibhaftiger, ein echter, ein international bekannter Künstler kam nach Koblenz zum Diskutieren. Da mußten die Veranstalter (Freunde der Volkshochschule) einfach noch Stühle im vollbesetzen Haus Metternich dazustellen. Die Mühe lohnte sich, denn Gottfried Helnwein, der hochgelobte Provokateur und Tabubrecher, sorgte für einen kurzweiligen und informativen Abend.

Seine Ikonmalerei der Moderne zeigt in klinischer Präzision Idole von James Dean bis Mick Jagger genauso wie Bilder einer alptraumhaften Lebenswelt. Auf Postern, Titelseiten und nicht zuletzt auch in Museen sind Helnweins Arbeiten millionenfach verbreitet. Der Mann sucht (und findet) die amüsierte, wiederstreitende oder empörte Öffentlichkeit. Er überrascht in Koblenz mit einem Rock’n’Roll-Outfit und populistischer Plauderei über sein Leben, seine Kunst, schlichtweg über das Gesamtkunstwerk Helnwein. Helnwein ist Talk-Show-kompatibel, kokettiert mit seinem Image des bösen Buben und Bildstürmers, weiß sich stehts ins rechte Licht zu setzen.

Neute Welt betreten

Der Moderator des Abends, Johannes Rother, hat da nur die Funktion des Stichwortgebers. Etwa: Donald Duck. Ein Kapitel voller Kindheitserinnerungen in der depressiven Atmosphähre eines Wiener Arbeiterviertels. Mitten hinein schlug die Mickey Mouse wie eine Bombe: Plötzlich war ich in Entenhausen”, erzählt Helnwein. “Ich habe eine neue Welt betreten.”

Das Reich der bunten Bilder fasziniert den Künstler noch immer. Comic, das ist für ihn “Weltliteratur”, das werde “überbleiben wie Shakespeares Dramen”. Und die Kunst des 20. Jahrhunderts, die könne man reduzieren auf Picasso und Disney. Da ist einer “in großem Maße kindisch geblieben”. Helnwein bewundert Disney-Zeichner wie Carl Barks, fragt (zu Recht), warum ein Roy Lichtenstein in den Museen hängt, dessen Vorbilder aber – Comics und Werbung – noch immer verpönt sind.
Weiter in der Biographie, Stichwort: Ausbildung. Warum er ausgerechnet zur Kunst kam? Aufgewachsen im antiautoritäten Klima der 68er, wollte er “keinen Vorgesetzten, keine Regeln und die Chance zurückzuschlagen”. Da bot sich die Kunst an. Der Jesuitenschüler will jedoch an der Kunsthochschule außer Naturzeichnen “nichts gelernt” haben. Aktzeichnen an der Akademie der Bildenden Künste, dies sei Streß gewesen. Also hat er mittendrin, “götterdämmerungsmäßig”, ein Hitler-Portrait gezeichnet, um zu sehen, was passiert. Die Professoren warem aus dem Häuschen, sahen den 80jährigen Weltruf der Schule wanken. Da habe er etwas Wichtiges über “Macht und Magie eines Bildes” gelernt. Überhaupt: “Ich glaube, das Kunst die Welt verändern kann!”

Von Elvis fasziniert

Stichwort: Kinder. Helnwein hat sie wieder und immer wieder fotografiert und gemalt, zum Beispiel mit körperlichen Deformationen. Sicherlich spielten da die eigenen Kindheitserfahrungen mit hinein. Aber das Thema beschäftige in generell, er wolle “die Leute aufmerksam machen” auf die Situation der Mißhandelten, Mißbrauchten, derer, die sich nicht wehren können.

Noch ein kurzer Schlenker zu seinen Abbildungen der Idole, die Faszination, die “künstliche Geschöpfe” wie Elvis auf ihn ausüben. Dann schließt sich der Fragenteil an das Gespräch an, und Helnwein übernimmt – ganz Profi – die Rolle des Moderators gleich mit. Und Helnwein definiert Helnwein: “Ich will kein Markenzeichen sein”, das verhindere die Spontanität. “Ich wollte bewußt nicht für das kleine Galerienpublikum arbeiten, sondern mit den Leuten von der Straße kommunizieren.” Darum sein Engagement für Titelblätter, Plakate, etc. Ob er die “Tabus der Kunstszene” damit tatsächlich durchbrochen hat, wie er selbstbewußt meint?