Ein Leben für Entenhausen

Die Donald-Duck-Familie und ihr Zeichner Carl Barks – 51 Hefte mit seinen Comic-Strips geplant

Kölner Stadt-Anzeiger
1.1.92
Petra Pluwatsch

Fanpost? Das konnte nur ein blöder Witz von Freund Bob sein. Disney-Zeichner Carl Barks, bis dahin nicht eben verwöhnt durch Lob und Zuspruch, las den Brief eines gewissen John Spicer “mit sehr viel Vorsicht”.  Voller Begeisterung schwärmte der junge Mensch darin von der Sippe der entensterzigen Ducks und beteuerte, “wie sehr er meine Geschichten mag”. Noch mehr als 30 Jahre später erinnert sich Barks mit einer einiger Verwunderung an den Brief des findigen Donald-Duck-Enthusiasten aus Carmel, dem es 1959 gelungen war, die Identität eines Mannes aufzudecken, der in der Comic-Szene fast zwei Jahrzehnte lang nur als Walt Disneys “guter Zeichner” oder “the duck man”, der “Entenmann”, bekannt war.

Der junge Spicer läutete damit einen Barks-Boom ein, der den “Entenmann” etliche Jahre später aus Kalifornien nach Oregon vertreiben sollte, wo sich der Zeichner und Texter von mehr als fünfhundert Donald-Duck-Geschichten und geistige Vater von Enterichen wie Geizhals Scrooge McDuck alias Dagobet Duck ein wenig Ruhe von seiner Fangemeinde erhoffte. Vergebens!  Ein US-Astronom benannte sogar einen kleinen Asteroiden nach dem Erfolgszeichner, gerade “groß genug für einen Geldspeicher”: Den “2730 Barks”.

Ein Farmerssohn aus Oregon

Bis heute ist die Begeisterung der Comicfreaks für die Barks’schen Geschichten aus Duckburg, sprich: Entenhausen, ungebrochen. So startete im Oktober der Stuttgarter Ehapa-Verlag eine 51 Hefte umfassende, deutsche Barks-Edition, die laut Chefredakteur Michael Walz “erstmals alles enthält, was Barks jemals gemacht hat”. Zwei Hefte sind bereits auf dem Markt: Resonanz bisher: “Einfach Toll.” Und bis heute ist Carl Barks, ein weißhaariger alter Herr von 91 Jahren, dem ein Augenleiden das Entenzeichnen schon lange unmöglich macht, überzeugt: “Ich wäre keinen Schuß Pulver wert gewesen, wenn ich mich nicht diesen Comics gewidmet hätte.”

1935 zeichnete der Farmerssohn aus Oregon für Walt Disney seinen ersten Erpel, ein aufsässiges Tier names Donald, das erst ein Jahr zuvor von den Kollegen Art Babbit und Dick Huemer als Gegenpart zur braven Micky Maus kreiert worden war. Barks, ein “Versager als Cowboy, als Holzfäller, als Hühnerzüchter und als Barbesucher”, war froh über den Job als Zwischenphasenzeichner in den Disney-Studios. Jahrelang hatte er sich als Illustrator für ein kanadisches Herrenmagazin durchgeschlagen, gut bezahlt zwar, doch ohne Zukunftsperspektive. Das Disney-Zeichentrickfilmstudio in Hollywood dagegen war mit seinen 750 Mitarbeitern das größte an der Westküste. Und es produzierte einen Kassenschlager nach dem anderen.

Der Branchenriese an der Hyperion Street verdankte seinen Erfolg einen kleinen Tier mit langem Schwanz und großen Ohren: Micky Maus. Zusammen mit Freund Ub Iwerks hatte Walt Disney, ein trickfilmbesessener Zeichner aus Kansas City, dem umtriebigen Mäuserich 1928 in die Welt gesetzt und damit den Coup seines Lebens gelandet.

Mehr als sechs Jahre arbeitete Barks im “Story Department”, im Entwicklungsbüro, wo die Ideen zu neuen Micky-Maus- und Donald-Duck-Filmen entstanden. Seine Karriere als “Entenmann” begann erst 1943, als der Verlag Western Publishing, ein Ableger des Disney-Konzerns, Zeichner suchte für das drei Jahre zuvor gegründete Comic-Magazin “Walt Disney’s Comics & Stories”. Schon seit Jahren wurden die Stars aus den Zeichentrickfilmen auch als Comicfiguren vermarktet und führten in den Heften ein Eigenleben.

Barks hatte wenig Erfahrung im Zeichnen von mehrseitigen Comics, doch die Sache lag ihm. “Ich hatte einfach ein Gefühl dafür”, erklärt er in einem Interview sein Außergewöhnliches “Talent zum Schreiben von guten Geschichten”, das ihn bald aus der Masse der Zeichner herausheben sollte. Seine Stories waren witziger als die der anderen, seine Enten hatten den kecksten Schnabelschwung und konnten von den Fans aud Anhieb identifiziert werden.

Vor allem Donald Duck, der cholerische Erpel, seit 1938 Star eines eigenen Tages-Strips, hatte es Barks angetan.  Liebevoll zähmte er den charakterschwachen Wüterich und machte im Laufe der Jahre einen verantwortungsvollen Erpel aus ihm, den allenfalls noch ein Brand seiner Schwanzfedern aus der Fassung brachte. “Ihn konnte ich irgendwie fühlen”, sagt Barks einmal. “Er war ein Stück von mir und verhielt sich oft so, wie ich es tue.” Mal machte er ihn zum Rettungsschwimmer, mal schickte er ihn als Vertreter für Schneebesen von Tür zu Tür. Doch immer war der Erpel in dem kurzen blauen Hemdchen einer, dem andere die besten Bissen vor der Nase wegschnappten. “Der typische Verlierer”, so Barks über seinen plattfüßigen Liebling. Einer wie du und ich, den man “ruhig schlecht behandeln und komisch aussehen lassen konnte”.

Donald sollte nicht allein bleiben in Entenhausen. Nach und nach bevölkerte Barks sein “Duckburg” mit allerhand skurillen Gestalten: Gustav Gans, fesch, faul und stets vom Glück begünstigt, betrat 1948 die Szene. Seit 1951 trieben die hundnasigen Beagle Boys, zu deutsch: die Panzerknacker, ihn Unwesen. Und dann gab es natürlich noch den alten Dagobert, Besitzer von zweihundertfünfzig Umtillionen und sechzehn Cent und damit “reichste alte Ente der Welt.”  Ein Geldbesessener Widerling, der bei seinem ersten Auftritt 1947 erbarmungslos Neffen und Großneffen drangsaliert und sich erst im Laufe der Jahre zu einem moderaten Alten mauserte.

Zusammen mit Donald und den Großneffen Tick, Trick und Track erlebte Dagobert, Kapitalist bis in die Knochen und stehts bemüht, seine Reichtümer noch zu vergrößern, wilde Abendteuer. Er jagt im Südamerikanischen Urwald der goldenen Mayakrone nach, bohrt in der arabischen Wüste nach Öl und schippert quer durch die Südsee, um einem unbedarften Inselfürsten im Bananenblatt-Röckchen den berühmtesten Diamanten der Welt, den gestreiften Rubin, abzuluchsen. “Man kann nicht immer das gleiche zeigen, die Figuren müssen in neue Situationen gebracht werden”, erklärte Barks seine Vorliebe für exotische Schauplätze, die ihm später den Vorwurf einbringen sollte, ein verkappter Rassist zu sein.

Dem Leser werde ein stereotypes Bild der Dritten Welt präsentiert, wettert beispielsweise Barks-Kritiker David Kunzle in seiner Untersuchung “Carl Barks, Dagobert und die Ducks” (Fischer Taschenbuch 3949). Nicht nur das. Die Politik der wirtschaftlichen Eroberung anderer Länder werde, da sie in spannende und witzige Abendteuer umgesetzt sei, attraktiv und leichter verdauerlich gemacht, so Kunzle. Und das “ist eine potentiell gefährliche Droge”.

“Der reelle Gegenwert für zehn Cents”

Barks selber hielt nicht viel von solchen Interpretationen. Sicher, die Eingeborenen habe er “immer etwas primitiv gezeichnet und natürlich humoristisch verfremdet”. Ansonsten habe er sich darauf beschränkt, die Wichtigtuer und Großmäuler lächerlich zu machen. “Themen, die mit der Religion oder der Politik zusammenhängen, habe ich tunlichst vermieden.” Dem Entenmann lag vor allem eines am Herzen: daß die Kinder “den reellen Gegenwert für ihre zehn Cents bekommen”. Und dafür habe er sein Bestes gegeben. “Ich habe mich”, gesteht er einmal, “an den Geschichten völlig verausgabt.”

Seine Fans danken es ihm bis heute. Als Carl Barks 1967 in Rente ging, war er der einzige Zeichner aus dem Disney-Stall, der namentlich bekannt war und körbeweise Post erhielt. Anonymität war von Anfang an das oberste Gebot Walt Disneys gewesen, eine Anordnung, die der “gute Zeichner” stets zu schätzen wußte. “Wäre mein Name bekannt gewesen”, vermutet er nicht ohne Eitelkeit, “hätte ich natürlich auch mehr Briefe bekommen und ware wohl überhaupt nicht mehr zum Arbeiten gekommen.”  Was ware dann aus Entenhausen geworden?