Frankfurter Allgemeine Zeitung
Buchmesse 2002
4. September 1993
Andreas Platthaus

MICKYMAUS UND SPIDERMAN
Eine Betrachtung über die Entwicklung des Comic-Markts

Der Versuch, die private Vorliebe für Triviales durch einen selbstgerechten Kunstanspruch zu adeln, ist allgemein verbreitet, doch nirgendwo so penetrant wie im Bereich der Comicsammler. Seit Jahren apostrophieren diverse Fachjournale und Comic-Buchhandlungen die Bilderhefte als "Neunte Kunst". Gottfried Helnwein nennt sie die einflußreichste Kunstströmung dieses Jahrhunderts, deren bedeutendste Protagonisten wie der amerikanische Zeichner Carl Barks in einem Atemzug mit Michelangelo zu nennen seien.

Nun ist es unbestreitbar, daß einzelne Comic-Zeichner Arbeiten schufen, die einen Vergleich mit Meisterwerken der Literatur und der Malerei aushalten. Barks gehört mit seinen Donald-Duck-Geschichten ebenso zu dieser Gruppe wie die Klassiker Hergé ("Tim und Struppi"), Windsor McCay ("Little Nemo") und George Herriman ("Crazy Cat") oder die jüngeren Zeichner Art Spiegelman ("Maus"), Lorenzo Mattotti ("Feuer") und Dave McKean ("Cages"). Doch diese Könner sind seltene Ausnahmen, die vor allem das Talent besitzen, sowohl den Text wie die Zeichnungen ihrer Comics auszuarbeiten - eine seltene Begabung in ihrem Metier.

Genausowenig aber wie da Vinci, Dürer oder Kandinsky die röhrenden Hirsche in deutschen Wohnzimmern legitimieren, ist der Comic durch die Leistungen einiger Zeichner bereits Kunst. Sein vielbeschworener Einfluß auf andere Medien ist mit Ausnahme der Pop-art und des Films nicht zu erkennen. Diese allein auf Absicherung des Kunstanspruchs zielende Argumentation wird dem Comic aber ohnehin nicht gerecht.

Er entstand als Massenbelustigung, durch seine Herkunft als Zeitungsbeilage war er als Wegwerfartikel konzipiert. Obwohl das Gros der besten Zeichner (McCay, Herriman, Lyonel Feininger, Floyd Gottfredson, George McManus) ausschließlich für die Zeitungen arbeitete, wurde das Genre erst durch die Etablierung der Comic-Hefte in den dreißiger Jahren sammelfähig gemacht. Mit dem Aufkommen des sogenannten Autoren-Comics in den achtziger Jahren gewannen die Bilderhefte an Akzeptanz in Intellektuellenkreisen. Nun wurden auch die Klassiker des Metiers wiederentdeckt und in großen Werkausgaben neu zugänglich gemacht. Als Sotheby's am 18. Dezember 1991 in New York als erstes bedeutendes Auktionshaus Comics versteigerte, wurden die bunten Bilderhefte zumindest schon mit den Weihen des Kunstmarktes versehen.

Jerry Weist, der Spezialist von Sotheby's für Comics, pries in seinem Katalogvorwort die Objekte als Ausdruck amerikanischer Volkskunst. Tatsächlich beschränkten sich die Angebote auf Zeichner aus dem Mutterland der Comics; die europäischen Produkte haben bislang in den Vereinigten Staaten kaum Resonanz gefunden. Die Auktion zog große Aufmerksamkeit auf sich. Auf dem Höhepunkt der Krise des Kunstmarkts lieferte sie über den Reiz des exotischen Gebiets hinaus auch gute Verkaufsergebnisse. Die Absatzquote übertraf 75 Prozent, die Ergebnisse lagen größtenteils im Rahmen der Schätzungen.

Angekündigt wurde die Auktion unter dem Titel "Comic Books and Comic Art", doch waren 1991 die Originalarbeiten großer Comic-Zeichner gegenüber den Heften noch im Hintertreffen. Sowohl von der Anzahl der Lose wie vom Ergebnis her schnitten die Comic Books des "golden" (vierziger Jahre) und des "silver age" (frühe sechziger Jahre) weitaus besser ab als die Comic Art. Der Erfolg ermutigte Sotheby's zu weiteren Auktionen: die nächste findet am 9. Oktober in New York statt.


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ANDREAS PLATTHAUS
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.09.1993, Nr. 205 / Seite 31