Entenhausen ist überall oder: die Welt der Ducks
Das Werk des Disney-Zeichners Carl Barks in Hannover – Abschied vom Federvieh
Stuttgarter Zeitung
16.3.94
Jürgen Schmidt-Missner
Er ist 1901 zur Welt gekommen und lebt seit Ewigkeiten irgendwo in den Bergen des US-Staates Oregon. Früher mußte er mit wöchentlich 125 Dollar auskommen, und heute, wo das Geld fließt, hat er keine Lust mehr zu arbeiten. Der Wiener Maler Gottfried Helnwein, der ihm nun eine ebenso liebvolle wie opulente Ausstellung organisiert hat, halt halt ihn für einen zweiten Picasso, der jahrzehntelang einem modernen Leonardo da Vinci gedient habe. Die Rede ist von Carl Barks, dem womöglich begnadetsten Comiczeichner, der jemals für Walt Disney gearbeitet hat.
Rund dreißig Jahre lang liefert Barks durchschnittlich zehn druckfähige Seiten pro Woche ab, die Disney zunächst mit 12,50 Dollar pro Seite honorierte. Nach und nach soll das Honorar dann auf bis zu 50 Dollar pro Seite angehoben worden sein. Barks ist sowohl Vater der kompletten Donald-Duck-Sippe als auch erfinder des ersten Duck-Wohnsitzes Entenhausen, wo bei leider nicht mit allerletzter Sicherheit zu klären ist, wann genau alles angefangen hat. Deutschlands straff organisierte Donaldisten etwa datieren Donald Ducks Geburt auf Freitag, den 13, März 1934. Barks selbst hingegen glaubt sich daran erinnern zu können, seinen ersten Donald 1935 gezeichnet zu haben.
Wie auch immer. Im Laufe der Zeit sind dann zwar nicht Donalds Eltern (über die bis zur Stunde niemand Genaueres weiß), wohl aber ungezählte Nichten und Neffen, Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen hinzugekommen, und wer die noch einigermaßen überblicken will, sollte sich tunlichst in den Vorraum der Hannoveraner Barks-Ausstellung begeben, wo die vollständige Ducksche Ahnentafel – neuester Stand – ausgehängt ist. Auf der sind denn neben guten alten Bekannten wie Onkel Dagobert und Daisy Duck auch so still und unerkannt Dahingeschiedene wie Gerlinde Giergans, Dämelack McDuck und viele andere mehr vermerkt, letztere selbstredend ohne Paßbild. Mit dem Duck-Clan, lernen wir daraus, ließ sich schon früh eine komplette Kleinstadt bevölkern.
Die trägt den prägnanten Namen Entenhausen, wurde in der fünfziger Jahre gegründet und ist gleichfalls eine Erfindung Carl Barks’ – als offenbar nicht ganz unpolitisch gemeintes, schlupflochreiches Anti-McCarthy-Eldorado für Einzelgänger, Querköpfe und Fliegenfänger jeglicher Coleur, Wie ecken- und erkerreich dies Entenhausen ist, damonstriert Helnwein vermittels einer fünfzehn Quadratmeter großen Wandtafel, auf die er weit über einhundert Entenhausener Szenen hat kleben lassen. Ihnen ist zu entnehmen, daß es hier fast alles gibt was eine Stadt erst städtisch macht: Wolkenkratzer und Bruchbuden, Onkel Dagoberts Geldspeicher (sinnigerweise in der Stadtmitte) und eine Tropfsteinhöle, allerlei Trampelpfade und Schnellstraßen, eine Kathedrale und so weiter und so fort.
Dazu wiederum paßt Helnwein (aber nicht nur Helnweins) Auffassung, daß auch Donald Duck nahezu alle menschlichen Fähigkeiten und Anlagen in sich trägt, mit der winzigen Einschränkung, daß er am Ende immer irgendwie als Verlierer dasteht. Amerikanische Comicverbraucher haben solchen Typen zwar nicht so gerne, weshalb Duck und Co. in den USA auch nicht allzu popular sind. Dafür aber kommen sie in Deutschland um so besser an, woran die kongenialen Übersetzungen ihrer Stoß- und anderen Seufzer durch Erika Fuchs nicht ganz unschuldig sind. Von der spricht Helnwein nebenbei gesagt als von einem weiblichen James Joyce, mindestens. Wie er überhaupt durch und durch hingerissen ist von der “trivialen” Materie, die er da zusammengetragen hat, und die er wider alle ausgesprochenen und unausgesprochenen Einwände für die einzig “große Kunst dieses Jahrhunderts” halt.
Entsprechend mitreißend ist ihm diese Ausstellung geraten. Sie umfaßt je nach Zählweise zwischen gut 150 und knapp 300 farbige und einfarbige Originalskizzen, -tuschen und entwürfe von allen erdenklichen Duck-Figuren; dazu ein echtes Barks-Ölgemälde und nicht zuletzt eine Rekonstruktion jenes Arbeitsplatzes, an dem Barks’ Entenhausen immer größer und immer einwohnerreicher geworden ist.
Erst 1966, nachdem er über 500 Duck-Geschichten und beinahe 35,000 Duck-Zeichnungen zu Papier gebracht hatte, verließ den Zeichner die Lust. Barks trennte sich von Disney-Konzern, versuchte sich wohl auch noch mal an den einen oder anderen neuen Genre (was, wie Helnwein anmerkt, “jedesmal ein Absturz” war), malte seine Enten eine Zeitlang sogar in Öl und war damit schließlich so erfolgreich, daß er gänzlich aufhörte: “Die Sammler waren inzwischen verdammt aufdringlich geworden… Es war mir unmöglich geworden, die Warteliste noch unter Kontrolle zu halten. Ich wußte nicht wie ich all diese Leute zufriedenstellen sollte, und außerdem wollte ich sowieso keine Enten mehr malen.”